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Der perfekte erste Freund

Und weiter geht’s mit einem weiteren Klischee, oder besser gesagt mit einem, das vielleicht einmal hätte sein können. Vielmehr ist es eine kleine Charakterisierung, weil diese Figur in seiner Komplexität immer wieder für Verwirrung sorgt. Daher möchte ich euch einige Erklärungen liefern, die ihr in meiner Story nicht finden werdet, weil sie dort nicht hingehören. Das heißt, zumindest noch nicht.

Einige von euch kennen dieses Phänomen vielleicht noch aus ihrer ersten Beziehung. Es war die große Liebe, man verbrachte eine tolle Zeit miteinander und fand schließlich heraus, dass man gar nicht zueinander passt und eine Freundschaft besser wäre.

Ähnlich ist es bei Sonea und Dorrien. Nur mit dem Unterschied, dass sie nie zu dem Punkt gekommen sind, an dem sie ein Paar geworden wären. Ich weiß, es gibt Fans, die Dorrien als Partner für Sonea geeigneter fänden, weil er nett ist. Doch genau das ist das Problem: Dorrien ist nett. Er ist zu nett.

Vielleicht nicht für alle Mädchen, doch zumindest für solche wie Sonea, macht genau das ihn zum perfekten ersten Freund. Um sich in aller Ruhe an die Freuden der Liebe heranzutasten und nicht gleich von Männern wie Akkarin verdorben zu werden. Mädchen wie Sonea werden mit Jungs wie Dorrien auf Dauer nicht glücklich. Weil sie sich nach mehr sehnen. Weil sie zwar mit Respekt behandelt, aber nicht auf Händen getragen, und wie Prinzessinnen behandelt werden wollen.

Doch es gibt auch Frauen, die genau das wollen und brauchen. Trassia wäre für mich so ein Kandidat. Sie ist lieb und sanft und hat das Leben noch nie in seiner vollen Ungerechtigkeit zu spüren bekommen. Dorrien ist ein Freund zum Pferdestehlen und allerhand Unsinn anstellen. Er ist ehrlich und treu. Wie Sonea besitzt er ein starkes Gespür für Gerechtigkeit, doch abgesehen von seiner Leidenschaft, dem Heilen, ist er eher jungenhaft und wenig verantwortungsbewusst. Und er ist überaus stur. Er erinnert mich immer ein wenig an Rorys ersten Freund Dean in der Serie Gilmore Girls. Und diese Beziehung ist auch nicht gut ausgegangen.

Sonea hat eine starke Persönlichkeit und ist Dorrien im Hinblick auf Sturheit und Eigensinn viel zu ähnlich. Eine Beziehung zwischen den beiden kann und würde deswegen nicht lange gutgehen. Sonea braucht jemanden, der ihr mühelos die Stirn bieten kann. Und so verständnisvoll und engagiert Dorrien sein mag, mangelt es ihm an einer weiteren grundlegenden Voraussetzung, um einem Menschen wie Sonea das Verständnis und die Zuwendung zu geben, die sie verdient: Die Erfahrung, am untersten Ende der Nahrungskette zu sein. Im Gegensatz zu ihr ist er ein sehr behüteter Charakter.

Aber Dorrien ist mehr als das. Er ist ein überaus komplexer Charakter. Durch den frühen Tod seiner Mutter hat er nicht nur eine Leidenschaft für Heilkunst entwickelt. Ihr Verlust hat tiefe Spuren in seiner Seele hinterlassen. Weil sie an einer unheilbaren Krankheit starb, hat er es zu seiner Berufung gemacht, andere Menschen zu heilen und zugleich entwickelt er eine leichte Besessenheit für die Frau, die er liebt. Um den Verlust seiner Mutter zu kompensieren, würde Freud vermutlich sagen.

Ich weiß nicht, ob Canavan sich dieser Tatsache bewusst war, als sie Dorrien die Neigung zur Besessenheit mitgegeben hat. Mir als Leser und Fan der Buchreihe fällt diese Interpretation jedoch leicht und ich bediene mich ihrer in meiner eigenen Fortsetzung. So hat mein Dorrien Schwierigkeiten darüber hinwegzukommen, dass Sonea einen anderen liebt, weil es die Erinnerungen an seine Mutter triggert. Dorrien ist sich dessen jedoch nicht bewusst. Zugleich ist seine Beziehung zu Viana von Verlustängsten geprägt, wobei der Tod seiner Mutter hier nur die halbe Wahrheit ist. Er reflektiert nicht über diesen Teil seines Wesens, wobei man ihm zugutehalten muss, dass Männer aus evolutionsbedingten Gründen weniger zur Selbstreflexion neigen, als Frauen (wofür sie andere Qualitäten haben). In Dorriens Fall bedeutet dies, dass sich das Drama nur im bewussten Teil seines Denkens abspielt, der davon beherrscht wird, dass Sonea seine Gefühle nicht erwidert. Würde er den tieferen Grund dessen kennen, dann hätte er möglicherweise bereits einen Weg gefunden, daran zu arbeiten und wäre über seine unerfüllte Liebe hinweg. So wird er jedoch seine Zeit brauchen.

Der frühe Tod von Dorriens Mutter hat jedoch nicht nur unterbewusste Verlustängste ausgelöst, er hält ihn auch ein kleines Stück in seiner Kindheit fest. Dorrien ist mit Mitte zwanzig noch immer ein wenig jungenhaft und unreif. Allerdings auf eine sehr charmante Weise, die ihn zu einem sehr liebenswerten Charakter macht, sofern er nicht gerade aus Selbstschutz der Hochzeit seiner besten Freundin fernbleibt. Und das macht ihn für ein Mädchen zum perfekten ersten Freund. Und überdies zum Traum aller Schwiegermütter.

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