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Die Idee, diesen Artikel zu schreiben, hatte ich schon länger. Tatsächlich bin ich jedoch durch diesen Post im Fanfiktion.de-Forum auf die Idee gekommen.

Eigentlich ging es um magische Ausbildungssysteme und ich hatte mich in der Hoffnung, dass dies eine sinnvolle Diskussion würde, daran zu beteiligen versucht. Den Zusammenhang der folgenden Posts mit meinem eigenen suche ich übrigens immer noch vergebens.

Ich hatte die erste Antwort verspätet gesehen und wie das so ist, wenn ich etwas in einem Forum schreiben will, antworten in der Zwischenzeit tausend andere Leute und machen meinen Beitrag damit hinfällig. Ich hatte kurz überlegt, trotzdem etwas zu schreiben und auf die anderen User einzugehen, aber bei dem Niveau, auf dem sich die Diskussionen in diesem Forum leider viel zu häufig bewegen, wollte ich mir den damit verbundenen emotionalen Stress ersparen. Zumal ich mich nicht gerne an Off-Topic-Diskussionen beteilige.

Da ich nun seit fast auf den Tag genau sechs Jahren in der Welt von Black Magician mein geistiges und emotionales Refugium etabliert habe, verspüre ich dennoch das Bedürfnis, zu dieser Antwort in irgendeiner Weise Stellung zu beziehen. Zumal ich der Meinung bin, dass man als Fan auch zu den Schwachpunkten des geliebten Fandoms stehen können sollte.

Deswegen habe ich mich für eine Reihe von Blogartikeln entschlossen, in denen ich zuerst mit den Vorurteilen aufräumen will und anschließend einige wirkliche Schwächen der Bücher aufzeigen möchte, die im weiteren Verlauf jenes Threads auch angesprochen wurden.

von lydiakang.blogspot.com – einige dieser Kriterien lassen sich in so ziemlich jedem fiktiven Charakter finden. Kritisch wird es erst, wenn fast alle Punkte zutreffen, zumal die Superkräfte für fast alle Charaktere aus Black Magician gelten.

Jetzt aber zum eigentlichen Thema „Warum Sonea keine Mary Sue ist“

Such characters were generally original female adolescents who had romantic liaisons with established canonical adult characters, or in some cases were the younger relatives or protégées of those characters. By 1976 Menagerie’s editors stated that they disliked such characters, saying:

Mary Sue stories—the adventures of the youngest and smartest ever person to graduate from the academy and ever get a commission at such a tender age. Usually characterized by unprecedented skill in everything from art to zoology, including karate and arm-wrestling. This character can also be found burrowing her way into the good graces/heart/mind of one of the Big Three [Kirk, Spock, and McCoy], if not all three at once. She saves the day by her wit and ability, and, if we are lucky, has the good grace to die at the end, being grieved by the entire ship. (aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Sue)

Zugegebenermaßen habe ich den Eindruck, dass Mary Sue ein beliebtes Totschlagargument ist, sobald man einen Charakter nicht leiden kann.

Sonea ist nicht perfekt. Sie hat Ecken und Kanten. Sie besitzt einen gewissen Intellekt und hat eine rasche Auffassungsgabe. Ohne dies hätte sie nicht so lange in den Hüttenvierteln überlebt. Tatsächlich ist es sogar so, dass sie nicht einmal immer rationale Entscheidungen trifft. Man kann jetzt darüber streiten, ob ihre Figur damit konsequent entwickelt ist, oder ob Charaktere sich auch hin und wieder unlogisch verhalten dürfen und auch müssen. Doch ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich an jeder Stelle exakt wie sie gehandelt hätte. Deswegen kann ich sie nur als überaus menschlichen Charakter empfinden.

Eine Mary Sue ist ein flacher Charakter, der sich nicht mehr entwickelt, weil er bereits perfekt ist. Sonea macht jedoch von allen Erzählcharakteren die größte Entwicklung durch, weil ihr Leben sich während der gesamten Trilogie am meisten verändert (bei den Non-Erzählcharakteren ist es übrigens Akkarin). So überwindet sie ihre Vorurteile und ihre Furcht vor den Magiern, passt sich an deren Sitten an. Allerdings kommt sie mit den anderen Novizen nicht zurecht und lässt sich völlig eingeschüchtert von ihnen mobben, bis sie schließlich über sich hinauswächst und sich wehrt und sich damit den Respekt der Magier und Novizen erarbeitet. Im dritten Buch macht sie noch einmal eine weitere große Wandlung durch, als sie erneut ihre Vorurteile und Furcht überwindet und sich Akkarin anschließt, um für die Verteidigung der Gilde zu kämpfen. Danach kommen übrigens Dannyl und Ceryni, während Rothen und Lorlen sich fast gar nicht entwickeln, dafür aber eine Art moralisches Rückgrat bilden. Aber dazu mehr in einem anderen Artikel.

Weil eine Mary Sue perfekt ist, fällt ihr alles in den Schoß. Sonea dagegen muss sich alles hart erarbeiten. Dass ihr das gelingt, lässt sich leicht mit ihrer Herkunft begründen. Sie ist es gewohnt, dass ihr das Leben nichts schenkt und eigene Anstrengungen unternehmen muss, um ihre Ziele zu erreichen. In den Hüttenvierteln musste sie jeden Tag ums Überleben kämpfen. Dementsprechend fällt es ihr leicht, die Anforderungen des Studiums zu erfüllen, wo die Novizen aus den Häusern ein verwöhnter Haufen sind.

Eine Mary Sue ist schön, sexy und begehrenswert und die Verehrer stehen Schlange. Im Idealfall hat sie zudem mehrere Beziehungen. Sonea ist alles andere als das. Sie ist kleinwüchsig, unterernährt und könnte vielleicht ganz passabel aussehen, wenn sie genug zu essen bekäme. Im Verlaufe der Bücher hat sie zwei Verehrer, denen sie jeweils einen Korb gibt, weil der Funke einfach nicht überspringt (Ceryni und Dorrien), und einen ernstzunehmenden Loveinterest (Akkarin), der sich allerdings erst sehr spät entwickelt. Ceryni verliebt sich übrigens im dritten Buch in eine andere Frau. Der Rest der Charaktere steht ihr bis zum Ende des zweiten Buches, wo sich dies aus bekannten Gründen ändert, entweder misstrauisch bis herablassend gegenüber oder ist im Fall der übrigen Erzählcharaktere ihr wohlgesonnen. Allerdings macht die Tatsache, dass die übrigen Erzählcharaktere ihr gegenüber wohlgesonnen sind, noch lange keine Mary Sue, zumal diese Figuren sich auch untereinander wohlgesonnen sind, lässt man einmal Ceryni außen vor, der außer mit Sonea mit keinem der Erzählcharaktere ernsthafte Berührungspunkte hat.

Es ist übrigens nicht richtig, dass Sonea die Protagonistin der Bücher ist. Die Übersetzung der deutschen Titel suggeriert dies, aber tatsächlich ist sie nur einer von fünf Erzählcharakteren, die alle in etwa den gleichen Anteil an Szenen haben.

Der einzige Punkt, an dem Sonea etwas sueig ist, ist ihr außergewöhnlich starkes, magisches Potential. Ich finde, hier hat Canavan tatsächlich etwas übertrieben. Allerdings muss es allein aus Gründen der Statistik Ausreißer wie sie unter den Menschen mit magischem Potential geben. Canavan hätte das etwas weniger drastisch machen können, aber ich finde es für das Lesevergnügen nicht als störend, weil Sonea genug andere Schwächen hat, die sie menschlich machen. Und sind es nicht die Menschen, die in irgendeiner Weise herausragen, die Großes vollbringen?

Und seien wir einmal ehrlich: Wer liest denn gerne eine Geschichte über einen durchschnittlichen Charakter, mit 0815-Fähigkeiten, der nichts erlebt und nichts bewirkt und immer nur ein Mitläufer ist?

Nächste Blogartikel zu dieser Reihe

  1. Das Klischee des gemobbten Waisenkindes und warum wir es brauchen
  2. Magier in Parallelgesellschaften und warum es nicht der menschlichen Natur entspricht, die einem gegebene Macht auszuüben
  3. Schwächen in Black Magician: Tiefe und Komplexität der Charaktere
  4. Schwächen in Black Magician: Handlungsschwerpunkte
  5. Schwächen in Black Magician: Ist es konsequent, dass Sonea sich von den anderen Novizen einschüchtern lässt?
  6. Schwächen in Black Magician: Das Ende von The High Lord
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