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In diesem Artikel geht es strenggenommen um zwei Klischees, die man in etwa wie folgt zusammenfassen kann:

Der Protagonist oder einer der Hauptcharaktere (im Folgenden der Einfachheit halber nur als Held bezeichnet) kommt aus einer sozial benachteiligten Gruppe in eine Gesellschaft, in der er als Außenseiter gilt (der klassische Underdog). Oft hat er seine Eltern verloren oder eine andere tragische Vergangenheit. Die neue Gruppe, in der er sich nun zurechtfinden muss, steht ihm ablehnend gegenüber, was bis hin zu Mobbing reichen kann. Das Ziel des Helden ist es, sich zu behaupten und den Respekt seiner Mitmenschen zu erlangen. In der Fantasy kommt oft noch hinzu, dass der Held außergewöhnliche Kräfte besitzt und/oder eine Prophezeiung erfüllen muss oder die Welt auf eine andere Weise rettet – und das unter Einsatz seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten. Dies muss übrigens nicht zwingend in Kombination mit der Außenseiterrolle geschehen, denn wie gesagt, geht es hier eigentlich im zwei Klischees. Eine Kombination beider Klischees bietet jedoch mehr Potential für Konflikte und somit mehr Chancen für den Helden sich zu entwickeln, was die Spannung der Handlung steigert. Gerne hat der Held auch einen väterlichen Mentor, der ihm zur Seite steht. Manchmal verliert er diesen im Laufe der Geschichte auf die eine oder andere Weise und muss sich fortan allein durchschlagen.

Das gemobbte Waisenkind mit den Superkräften als Held einer Romanreihe kommt in seinen verschiedenen Varianten und Kombinationen der obengenannten Punkte zum Einsatz. J.K. Rowling verwendet es in Harry Potter, Trudi Canavan in The Black Magician, Brandon Sanderson in Mistborn, Rick Riordan in der Percy Jackson Reihe oder Suzanne Collins in der Hunger Games Trilogy – nur um einige zu nennen. Aber auch Filme wie Krieg der Sterne oder Karate Kid funktionieren auf diese Weise hervorragend.

Über Aussagen wie „Das Buch ist scheiße, weil es dieses Klischee enthält“ kann ich um ehrlich zu sein nur den Kopf schütteln. Natürlich muss man dieses Klischee nicht mögen und kann sich meinetwegen darüber ärgern, dass es so häufig in seinen unterschiedlichen Varianten aufgegriffen wird. Aber es gibt auch genug andere Bücher. Oft genügt es, sich den Klappentext eines Buches und einige Rezensionen durchzulesen, um zu wissen, worauf man sich einlässt. Die Frage, ob ein Buch schlecht ist, weil es ein bestimmtes Klischee aufgreift, begründet sich meines Erachtens vielmehr in seiner Umsetzung.

Bei keinem, der von mir gelesenen Bücher, die dieses Klischee in der einen oder anderen Weise enthalten, hatte ich bis jetzt den Eindruck, dass es an der Umsetzung scheitert. Stattdessen unterscheiden sich die Umsetzungen in ihrer Gesamtheit, so dass jedes Mal etwas Neues daraus entsteht. Dazu möchte ich kurz zwei Beispiele aus meinen Lieblingsbuchreihen vorstellen:

So besteht Harrys tragischer Hintergrund darin, seine Eltern verloren zu haben und von seiner Pflegefamilie schlecht behandelt zu werden. Kaum, dass er nach Hogwarts kommt, gerät er zudem in einer Rivalität mit Draco Malfoy, wie sie typisch für Jugendliche an einem Internat ist. Trotz der beiden Freunde, die Harry durch alle sieben Bücher treu zur Seite stehen, hat er dadurch, dass er Voldemort überlebt hat und der Auserwählte ist, eine Außenseiterposition inne. Er hat sogar zwei väterliche Mentoren, von denen einer im sechsten Band stirbt. Eine Superkraft besitzt Harry in dem Sinne nicht, zumal die Tatsache, dass er Voldemort zwei Mal überlebt, auf dem in dieser Buchreihe propagierten Prinzip der Liebe basiert. Dafür ist Harry jedoch Teil einer Prophezeiung und derjenige, der Voldemort am Ende aufhält. Eigentlich stehe ich Prophezeiungen immer ein wenig kritisch gegenüber, doch hier gefällt mir, dass Harry nur durch Zufall der Auserwählte ist, da es auch Neville Longbottom hätte treffen können. Und mir gefällt, dass Dumbledore durch die Offenlegung seiner Motive sich von dem Klischee des väterlichen Mentors schließlich fortentwickelt.

Vin aus der Mistborn-Trilogie hat sich mit ihrem Bruder in Diebesbanden durchgeschlagen, bis dieser eines Tages verschwindet. Ihre ’Superkraft’ besteht darin, eine außergewöhnlich starke Mistborn zu sein, was in ihren Blutlinien begründet liegt. Eine weitere scheinbare Superkraft basiert tatsächlich auf einem Artefakt der Hemalurgie, das sie unwissentlich trägt. In Kelsier findet sie einen Mentor, der am Ende des ersten Buches stirbt, und fortan muss sie ihr Training allein fortsetzen. Sie ist diejenige, die den Lord Ruler tötet, und wird im zweiten Teil der Reihe als der Hero of Ages gehandelt, was sich jedoch als eine Irreführung durch das eigentlich Böse herausstellt. An dieser Umsetzung gefällt mir besonders gut, dass Brandon Sanderson mit den bekannten Klischees spielt und sie ad absurdum führt. Ein ausführliches Review zum ersten Teil der Mistborn-Reihe findet ihr auch in meinem Zweitblog die anderen beiden folgen hoffentlich bald.

Da dieser Artikel im Zusammenhang meines Unmuts einer gewissen Forumsdiskussion steht, möchte ich an dieser Stelle auf die Umsetzung dieses Klischees in The Black Magician intensiver eingehen.

Das Klischee des gemobbten Waisenkindes mit Superkräften in ’The Black Magician’

Sonea ist das Mädchen aus der Unterschicht, deren magische Fähigkeiten sich durch Zufall von selbst entwickeln. Wie sich herausstellt, ist sie sogar eine besonders starke Magierin, da magische Kräfte durch einen anderen Magier entfesselt werden müssen. Wo andere Charaktere sich über diese Möglichkeit gefreut hätten, empfindet Sonea ihre Begabung jedoch als Fluch. Die Magie entgleitet mehr und mehr ihrer Kontrolle bis hin zu Soneas Beinahe-Tod, während sie von den Magiern gejagt wird. Es dauert, bis Sonea deren gute Absichten erkennt. Vertrauen fasst sie nur zu Rothen, dem väterlichen Mentor in dieser Geschichte. Auch wenn ich vielschichtige Charaktere für gewöhnlich vorziehe, so wirkt Rothen damit auf mich wie ein angenehmer Ruhepol – eine liebevoll gezeichnete Konstante, die einen Teil des Charmes der Bücher ausmacht. Ich würde ihn nicht anders wollen.

Als Sonea im zweiten Buch ihre Ausbildung an der Universität der Magier beginnt, widerfährt ihr sehr heftiges Mobbing durch die anderen Novizen, von denen sich genug zusammentun, dass sie trotz ihrer magischen Stärke nicht viel ausrichten kann. Mit einer Rivalität wie zwischen Harry und Draco hat das nicht mehr viel zu tun, obwohl auch dies ein häufiges Verhalten von Kindern gegenüber Außenseitern ist. Hier fällt dieses jedoch ganz besonders extrem aus, weil Regin aus einer reichen Familie stammt, in deren Augen Menschen wie Sonea Abschaum sind und er dementsprechend ohne Rücksicht auf Verluste vorgeht. Sonea hofft, Regin und seine Bande würden irgendwann von alleine aufhören, wenn sie sich nicht wehrt. Sie versucht ihren Peinigern aus dem Weg zu gehen, will nicht, dass andere davon erfahren, und traut sich nicht einmal, sich mit ihrer Magie zu verteidigen aus Furcht, jemanden ernsthaft zu verletzen.

Die Mobbing-Attacken werden schlimmer, als Sonea ihren väterlichen Mentor verliert und die Novizen herausfinden, dass sie ihren neuen Mentor zu sehr fürchtet, um ihn um Unterstützung zu bitten. Wo Sonea auf ihrer Flucht vor den Magiern Hilfe von ihren Freunden hatte, ist sie nun völlig auf sich gestellt und von Menschen umgeben, die auf sie herabsehen. Letztendlich gelingt es Sonea jedoch, sich gegenüber ihrem Peiniger zu behaupten und damit den Respekt der Magier und der anderen Novizen zu erlangen.

Im dritten Buch spielt Sonea eine tragende Rolle bei der Rettung Kyralias. Jedoch nicht auf Grund ihrer magischen Stärke, sondern weil sie bestrebt ist, das Richtige zu tun und zu schützen, was ihr lieb und teuer ist. Indem sie schwarze Magie erlernt, kann sie beliebig viel Magie in sich speichern, wodurch ihr eigenes magisches Potential, was zu Beginn so nach Klischee geschrien hat, hinfällig wird. Schwarze Magie fällt für mich nicht unter den Begriff Superkraft, weil jeder sie erlernen und mit genügend Quellen zu einer entsprechenden Macht gelangen kann. Ohne Soneas starkes magisches Potential wäre sie jedoch niemals von der Gilde entdeckt worden, hätte niemals die Magier ausspioniert und dabei deren Anführer beobachtet – und das hätte niemals dazu geführt, dass sie seine Novizin wird und sich seinem Kampf gegen die Feinde der Gilde schließlich anschließt.

Für mich liegt Soneas Superkraft weniger in ihrer natürlichen magischen Stärke, mit der sie Regin die Lektion seines Lebens erteilt, als in ihrem Kampfgeist. Dieser braucht zwar eine Weile, um geweckt zu werden, aber ist dieser erst einmal erwacht, kann man sich davon eine dicke Scheibe abschneiden. Sonea besitzt eine überaus starke Moral und ist bereit, ihre Vorurteile gegenüber anderen zu überwinden. Und nicht zuletzt schafft sie all dies aus eigener Kraft, weil sie die meiste Zeit über auf sich gestellt ist und die Personen, die ihr wohlgesonnen sind, jenseits ihrer Reichweite liegen.

An Canavans Umsetzung gefällt mir vor allem die Entwicklung, die Sonea durchlebt, indem sie scheinbar unüberwindliche Hürden überwindet und an sich wächst. Diese ist in meinen Augen sehr realistisch gehalten. Auch gefällt mir, dass die Bücher verschiedene Aspekte des gesamten Klischees in sich abgeschlossenen Storylines behandeln und damit Stationen von Soneas Entwicklung sind. Das macht ihren Werdegang in meinen Augen umso realistischer, weil man nicht mit dem Klischee in seiner Gesamtheit erschlagen wird. Allerdings ist es auch anstrengend ein ganzes Buch lang zu lesen, wie Sonea den Mobbing-Attacken der anderen Novizen ausgesetzt ist. Man will, dass es aufhört und denkt, die Figur entwickelt sich nicht weiter. Aber genau das macht die Schilderung so realistisch, da Sonea ein typisches Opferverhalten zeigt. Gut gefällt mir auch, dass Sonea zwar durch ihr magisches Potential eine Art ’Superkraft’ besitzt, diese am Ende jedoch nicht dafür verantwortlich ist, dass sie Kyralia rettet, sondern dass sie ein Prinzip verwendet, das jeder Magier lernen kann und das zumindest innerhalb der Gilde als höchst verwerflich angesehen wird. Sie und Akkarin zeigen auf diese Weise außerdem auch, dass schwarze Magie nicht böse ist, womit im Übrigen ein weiteres Klischee aufgelöst wird.

Es gibt auch einige Punkte, die mich an der Umsetzung stören. Zu Soneas extrem starken, magischen Potential habe ich im ersten Artikel dieser Reihe schon etwas geschrieben. Als Antagonist ist Regin ein sehr flacher Charakter, der sich nicht entwickelt und nach dem Finale des zweiten Buches bis zum Ende der Reihe in der Versenkung verschwindet. Dort wird angedeutet, dass er seine Taten bereut und Wiedergutmachung leisten will. Doch dies tut er nie. Außerdem stört mich, dass nachdem Canavan das Mobbing-Thema in The Novice so realistisch behandelt hat, es in ihrer Fortsetzung so extrem unsensibel angeht (siehe dazu auch diesen Artikel). Dies ist jedoch strenggenommen kein Fehler an der Umsetzung in The Black Magician. Auch stört mich trotz der realistischen Schilderung, dass der Fokus im zweiten Buch so sehr auf der Sonea-Storyline liegt, während die eigentliche Handlung in den Hintergrund rückt. Aber dies vertage ich auf einen anderen Artikel.

Warum brauchen wir gemobbte Waisenkinder mit Superkräften?

Oft sind Bücher wie Harry Potter oder The Black Magician für Jugendliche und Erwachsene gut zu lesen. Als Erwachsener fühlt man sich bei ihrer Lektüre auf magische Weise wieder ein kleines Stück in seine Kindheit versetzt. Sie bedienen unsere Träume und Sehnsüchte und lassen uns Abenteuer erleben, die uns in unserem Erdendasein verwehrt sind.

Aber sie schaffen noch viel mehr als das. Die in diesen Büchern dargestellten Helden sind wie Freunde. Sie sind Figuren, mit denen wir uns identifizieren und in denen wir uns zu einem gewissen Teil wiederfinden. Wir lieben und leiden mit ihnen, weil sie uns so nahe sind, und schöpfen daraus Kraft. Und sie lehren uns wichtige Lektionen, mit denen wir unser eigenes Leben meistern können. So lehrt uns Harry echte Freundschaft, und dass Liebe stärker als der Tod ist, und entführt den Leser auf magische Weise in die eigene Kindheit. Ich habe sogar von Menschen gehört, die sich mit Harry Potter aus einer Depression gekämpft haben.

Sonea lehrt uns, nicht aufzugeben, egal wie viele Steine einem das Leben in den Weg legt. Sie lehrt uns zu kämpfen und über sich hinauszuwachsen und für das einzustehen, was einem lieb und teuer ist. Ein Mensch, der selbst gemobbt wird, findet durch sie möglicherweise sogar den entscheidenden Anstoß, aufzustehen und sich endlich gegen seine Peiniger durchzusetzen. Durch Sonea habe ich mich selbst gefunden. Und sie hat mich gelehrt, dass eine Begabung eine Bereicherung für andere Menschen sein kann, wenn man sie zu beherrschen lernt. Denn dann hört sie auch auf, ein Fluch für einen selbst zu sein.

Ist dieses Klischee ausgelutscht? Vielleicht ist es das. Aber das gilt dann auch für andere Klischees und andere Genres. Und es ist gewiss auch eine Frage von Angebot und Nachfrage, welche Art von Buch gerade gehypt wird und ob andere Autoren auf diesen Zug auspringen. Es existieren so viele Geschichten, dass es schier unmöglich geworden ist, das Rad neu zu erfinden. Man kann Setting, Charakterkonstellationen und Rahmenhandlungen ändern, aber auch dort werden sich Elemente finden, die auch anderswo enthalten sind. Am Ende läuft es auf die Art und Weise der Umsetzung einer Idee hinaus. Und ich finde nicht, dass das etwas Positives ist. Denn es schafft zahlreiche Facetten von ein und derselben Ausgangsidee. Ein altbewährtes Thema in einem völlig neuen Kontext zu bringen, kann somit auch überaus spannend sein.

Nicht zuletzt sind für viele Leser dieser Art von Geschichten von essentieller Bedeutung, weil sie ihr Leben verändern oder einfach nur Balsam für die geschundene Seele sind.

Der Underdog, der sich aus seiner Situation emanzipiert und vielleicht sogar die Welt rettet, ist und bleibt ein Symbol für die Träume und Sehnsüchte der Leser. Deswegen wird sich dieses Klischee mit Sicherheit noch lange der Beliebtheit vieler Leser erfreuen.

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