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… und was wirklich hinter den in Geschichten bearbeiteten Themen steckt

Eigentlich wollte ich mich ab diesem Artikel den Schwächen von Black Magician widmen, habe jedoch entschieden, dies nach hinten zu schieben, da ich die Bücher jetzt bald wieder einmal lesen wollte. Jeder Lesedurchgang findet bei mir unter einem anderen Aspekt statt und ich denke, dass die Artikel über die Schwachstellen davon nur profitieren können.

Deswegen muss ich heute leider noch einmal auf jenen Forumspost zurückgreifen, durch den diese Blogreihe überhaupt erst zustande gekommen ist. Dort fiel ein Satz, der mir ganz besonders sauer aufgestoßen ist, auch wenn ich davon ausgehe, dass jener User* nur angewendet hat, was er im Deutschunterricht gelernt hat. Für einen Autor ist das dennoch nicht immer witzig:

„3 Bände lang muss man sich kapitelweise durch immer gleiche Mobbingattacken durch diesen Deppen quälen. Gähn…… Offenbar musste die Autorin damit irgendwelche eigenen Mobbingerfahrungen aus ihrer eigenen Schulzeit psychologisch aufarbeiten…..“

Ich bin wahrlich nicht mit allem einverstanden, was Canavan schreibt. Aber eine solche Unterstellung ist einfach nur anmaßend, unsensibel und verletzend (abgesehen davon, dass der Verfasser dieser Zeilen anscheinend nicht weiß, wovon er spricht). Vielleicht ist das eine meiner Hochsensiblen-Macken, dass ich auf solche Unterstellungen anspringe. Allerdings teilten die Personen, mit denen ich über diesen Post diskutiert habe, meine Meinung und hatten wie ich selbst schon negative Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht. Aber dazu später mehr.

Warum solche Rückschlüsse unangenehm sein können

Nach dieser Logik müsste J.K. Rowling von ihren Zieheltern in einen Schrank unter einer Treppe eingesperrt worden sein, wo sie anfing, sich in Phantasiewelten zu träumen. Autoren wie Chris Carter, Sebastian Fitzek oder Simon Beckett wären in ihrem Herzen psychopathische Serienkiller und Stephen King würde vielleicht unter irgendwelchen seltsamen Wahnvorstellungen leiden. Und ich hätte Die zwei Könige nur geschrieben, weil ich irgendwann einmal entführt und zur Sexsklavin ausgebildet worden wäre. Und das bezieht sich nur auf eine meiner multiplen Persönlichkeiten, da ich noch über andere Figuren schreibe (bisexuelle Amazonen, menschenscheue angehende Wissenschaftler, Diebe mit jeder Menge krimineller Energie, skrupellose Kontrollfreaks, widerwärtige Intriganten und liebeskranke Vanillas, bei denen nicht nur meine Leser das Bedürfnis verspüren, ihren Kopf in die Tastatur ihres Laptops zu hauen – um nur einige zu nennen). Und natürlich sind meine Geschichten voll mit meinen perversen sexuellen Phantasien. Denn schließlich bin ich ja Fanfiction-Autorin.

Aussagen wie in dem obigen Zitat erinnern mich ein wenig an den Deutschunterricht in der Schule, wo wir unsere Lektüren unter anderem danach interpretieren mussten, was uns der Autor damit sagen will. Wenn wir dabei den persönlichen Hintergrund des Autors in unsere Interpretation mit einbezogen haben, gab es dafür auch ein Sternchen. Das ist in etwa so, wie in Vincent van Goghs Sternennacht nach Anzeichen für seine fortschreitende Erkrankung zu suchen.

Mir stoßen derartige Rückschlüsse auf den Autor auch noch aus einem anderen Grund sauer auf. Denn ich bin nicht allzu angetan, wenn man dies bei mir tut. Was meine Leser im Stillen über mich denken, kümmert mich nicht. Doch manchmal artet so etwas auch aus. Erst vor kurzem hatte ich diesbezüglich selbst ein weniger schönes Erlebnis: Ich habe über Twitter jemanden kennengelernt, der mir nach nur wenigen gemeinsamen Vielfachen von 140 Zeichen sagte, er fühle sich mit mir ‘verbunden’. Deswegen wolle er nun erst Black Magician und dann meine Fanfictions lesen, um mich ‘zu verstehen’. Mir ist unbegreiflich, wie man mich auf Grund meiner Fanfictions verstehen soll – besonders, wenn man mich kaum kennt (einige gemeinsame Vielfache von 140 Zeichen sind für mich gleichbedeutend mit ‘kaum kennen’). Jedenfalls war mir die ganze Sache so unheimlich, dass ich die Flucht ergriff und den Kerl geblockt habe, zumal ich mich anfing gestalkt zu fühlen, weil er alles von mir geliket, retweetet und kommentiert hat. Leider kann ich ihn nicht auf Fanfiktion.de blocken und mir graut schon vor dem Tag, an dem er mich in Reviews psychoanalysiert.

Ein weiteres unschönes Erlebnis dieser Art liegt schon etwas länger zurück. Als ich 2010 anfing Die zwei Könige zu schreiben, erzählte ich bei einem Pärchenabend der Freundin des besten Kumpels meines Freundes davon. Dummerweise hatte ich dabei nicht bedacht, dass sie Psychologie studiert und meine Aussage, dass mein Antagonist (der böse heiße König von Sachaka) in einigen Charakterzügen von meinem Freund inspiriert war, wurde für den Rest des Abends bis ins kleinste Detail meine dahintersteckende Motivation analysiert so wie meine Person und unsere Beziehung. Ich bin kläglich daran gescheitert zu erklären, dass es dabei nur um einige kleine Eigenheiten meines Freundes ging, die rein zufällig auch in meine Vorstellung von einem perfekten Antagonisten passen.

Wer mein Vorwort zu Die zwei Könige gelesen hat, weiß übrigens, dass die Story nur deswegen so hart wurde, weil alles andere im Zusammenhang mit einer Entführung durch die Sachakaner Augenwischerei gewesen wäre.

Was beim Schreiben tatsächlich passiert

Aus diesem Grund gebe ich meine Geschichten auch ungern Freunden und Bekannten zu lesen, sofern ich ihnen in dieser Hinsicht nicht absolut vertraue. Meine Leser könnten diese kleinen Details niemals erraten und ich würde sie ihnen auch nicht verraten. Aber genau diese kleinen Details sind es, die Figuren lebendig werden lassen. Indem wir ihnen etwas mitgeben, was wir kennen, fügen wir ihnen eine weitere Facette hinzu und lassen sie dadurch realistischer werden. Und das hat nicht im entferntesten etwas mit Verarbeitung zu tun. Verarbeitung geschieht indirekt. Lasse ich einen Charakter Liebeskummer erleiden, so erinnere ich mich an meine Gedanken von Sinnlosigkeit und das Gefühl schmerzender Leere während meines letzten Liebeskummers. Indem ich die Erinnerungen wieder aufleben lasse, wird die Situation des Charakters für den Leser lebendig. Das zu schreiben macht mir große Freude, auch wenn ich dabei selbst Tränen in den Augen habe, weil ich an dem Tag etwas emotional bin oder mir der Charakter so sehr am Herzen liegt, dass ich mit ihm leide.

In den meisten Fällen stehen die Erlebnisse des Charakters, steht nur in sehr weitgefasster Assoziation mit etwas aus meinem Leben – einer Situation oder einem Gefühl, dass ich auf die Szene anwende. Ich kann nur erahnen, wie es ist, einen Menschen zu töten oder vergewaltigt zu werden. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, etwas sehr Falsches zu tun, was sich nicht mehr gutmachen lässt und kenne das Gefühl absoluter Ohnmacht. Für mich genügt das, um mich in einen Charakter hineinzuversetzen, auch wenn diese Gefühle aus einem völlig anderen Zusammenhang stammen.

Natürlich verarbeitet man beim Schreiben auch Dinge aus dem eigenen Leben und ich würde lügen, würde ich das nicht auch tun. Doch tatsächlich ist dieser Prozess oft sehr komplex und die Verarbeitung geschieht eher indirekt. Meist sind es nur Kleinigkeiten, manchmal wird mir erst im Nachhinein bewusst, dass ich durch das Beschreiben eines gewissen Ereignisses oder Leidensprozess einer Figur etwas verarbeite oder kompensiere. Doch das ist selten das Offensichtliche und man muss mich persönlich schon sehr gut kennen, um diese Stellen herauszufinden.

Nicht nur ich, sondern auch andere Autoren, mit denen ich mich austausche, schreiben einen Konflikt oder eine dramatische Storyline um des Schreibens willen oder weil es an dieser Stelle schlicht und ergreifend passt. Und nicht etwa, weil sie vergewaltigt wurden, Depressionen haben oder kriminell sind. Dass Sonea in The Novice von den anderen Novizen gemobbt wird, ist eine logische Schlussfolgerung aus ihrer durch ihre niedere Geburt bedingte Außenseiterrolle in der Gilde und einem Haufen schwerpubertierender arroganter Sprösslinge aus dem Adel. Ich behaupte sogar, dass wenn Canavan damit etwas kompensieren wollte, hätte sie Sonea und Regin in ihrer Fortsetzungstrilogie sensibler gehandhabt. Denn wenn man einmal selbst in dieser Opferrolle gesteckt hat, dann reagiert man auf ein solches Thema sehr empfindlich anstatt es zu verherrlichen (siehe dazu auch Meine unzensierte Meinung zum Unpairing Sonea & Regin).

In allen Geschichten steckt auch immer ein wenig von einem selbst. Doch umgekehrt findet man sich auch beim Lesen immer ein Stück weit in der einen oder anderen Figur wieder. Derselbe Prozess findet sogar statt, wenn man einen Menschen näher kennenlernt. Nur, dass dies ein wenig Aufwand erfordert, während man bei Romanfiguren schnell einen Einblick in deren Innenleben erhält.

Autoren sind keine Psychopathen. Wir schreiben um des Schreibens willen und über nicht nur über Dinge, die uns selbst bewegen, sondern oft auch einfach nur über das, was die Geschichte erfordert. Als Leser darf man gerne Vermutungen anstellen, warum ein Autor eine Geschichte so schreibt, wie er sie schreibt. Aber dabei sollte man einen gewissen Respekt gegenüber dem Autor wahren. Denn auch wenn er eine öffentliche Person ist, so ist auch er ein Mensch mit Persönlichkeitsrechten und Gefühlen.

Mir ist übrigens herzlich egal, ob meine Leser mich für pervers halten. Für einen Großteil der Bevölkerung bin ich das vermutlich. Aber für mich ist Schluss mit lustig, wenn man anfängt, mich anhand meiner Geschichten zu psychoanalysieren und mir vielleicht sogar psychische Probleme unterstellt. Und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin.

* Allmählich tut mir der arme Kerl ja ein wenig leid, weil er andauernd für meine Blogartikel hinhalten muss …

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