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Dieser Artikel ist eine Vorbereitung auf meinen geplanten Artikel „Warum Akkarin kein romantischer Held ist“. Beim Verfassen jenes Artikels habe ich schnell bemerkt, dass ich ziemlich weit ausholen muss, bevor ich überhaupt zu der Essenz meiner Aussage vordringen kann. Daher habe ich dem einen Artikel über OOC-ness im Allgemeinen vorangestellt.

Im Fachjargon von Fanfiction-Autoren steht OOC für out of character, was so viel bedeutet wie, dass ein Charakter nicht seiner Vorlage entspricht.

Dieses Phänomen ist (so weit ich das beurteilen kann, Studien liegen mir leider nicht vor) in der Fanfiction-Welt relativ weit verbreitet und nimmt verschiedene Ausprägungen an. Unter den Schreibern und Lesern von Fanfictions ist es ein wenig verpönt und für mich zählt es zu den Gründen, warum Fanfiction als Genre einen so schlechten Ruf hat.

Generell unterscheide ich zwischen zwei Ausprägungen: der gewollten und der ungewollten OOC-ness.

Die gewollte OOC-ness

Wir kennen das unter anderem aus Science-Fiction Serien. Die Crew eines Raumschiffs begegnet ihren bösen Zwillingen aus einem Paralleluniversum oder eins ihrer Mitglieder wird von der Präsenz eines Aliens besessen. In beiden Fällen erleben wir die Charaktere, die wir im Laufe der Serie kennen und lieben gelernt haben, in einem völlig neuen Kontext. Sie handeln so, wie es nicht ihrem Naturell entspricht und wir bekommen dafür noch eine logische Erklärung geliefert.

Das Tolle an gewollter OOC-ness ist, dass man mit den Figuren experimentieren kann. Wenn Mr. Spock in einer Folge von Raumschiff Enterprise plötzlich super gefühlsbetont ist, weil er von einem Virus befallen wurde, der seine menschliche Seite dominieren lässt, kann das überaus amüsant und spannend sein – oder mit anderen Worten: faszinierend. So sehr wir den kühlen und beherrschten Vulkanier lieben, entdecken wir dadurch völlig neue Seiten an ihm. Etwas Ähnliches erleben wir, wenn ihn das Pon Farr befällt. Star Trek Fans wissen, so wird der Zustand bezeichnet, in dem Vulkanier paarungsbereit sind, wobei ihre animalische Seite zum Vorschein kommt. Dieser Zustand trifft nur alle sieben Jahre ein und man kann davon ausgehen, dass dies in der gesamten Serie nur einmal geschieht. Obwohl Teil seiner Persönlichkeit, ist dies im weitgefassten Sinne ebenfalls OOC, weil die Zuschauer ihren Lieblingsvulkanier nicht in dieser Form kennen.

Als Autorin von Fanfictions gestehe ich dem selbst einen gewissen Reiz zu. Einen Charakter ständig in-canon zu schreiben, ist sehr restriktiv. Das in-canon Schreiben erfüllt mich und ist Grundlage für meine Geschichten. Doch hin und wieder will ich entweder einfach nur Schund schreiben, um eine Schreibblockade zu überwinden, oder ich ziehe meine Lieblingscharaktere oder meine eigenen Werke durch den Kakao (wie in meiner Parodie zu Die zwei Könige Von bösen Königen und altersschwachen Limeks, in der OOC-ness nicht meine einzige Schandtat ist). Ich habe sogar eine Szene, die es nicht in „Das Heiligtum von Yukai“ geschafft hat und in der Sonea herausfinden will, wie es ist, wenn sie im Bett das Sagen hat, und hinterher zugibt, noch nie so schlechten Sex gehabt zu haben. Ok, ich gebe zu, das ist Headcanon, weil wir in den Büchern nicht viel über diese Thema erfahren. Aber es ist konsistent von Soneas und Akkarins Beziehung in The High Lord fortgesponnen und was sie in dieser Szene tut, kann ich nicht im Geringsten mit ihrem Charakter in Einklang bringen.

Ich fasse gewollte OOC-ness als Gedankenexperiment mit spannenden Resultaten auf. Man lässt den Charakter von der Leine und hält ihm zugleich einen Spiegel vor. Ich erwähnte bereits, dies kann auch helfen, um Schreibblockaden zu überwinden. Und das tut es nicht nur, weil es Hirnwindungen frei bläst – das tut es auch, weil man dadurch neue Ideen für die Aktionen des in-canon Charakters erhalten kann.

Ungewollte OOC-ness ist dagegen ein ganz anderes Thema. Und es ist sehr viel komplexer.

Die ungewollte OOC-ness

Ungewollte OOC-ness geschieht meines Erachtens mangels besseren Wissens oder Reflektionsvermögens, aber auch, weil man etwas in die Charaktere projiziert, was dort nicht ist.

Am besten erzähle ich euch dazu einmal ein wenig aus meinem eigenen Leben.

In der schlimmsten Phase meiner Pubertät, die von ca. 11 bis 16 ging, war ich eines der nervigsten und quietschigsten Fangirls unter dem Antlitz Gottes. Ich war nacheinander (und teilweise auch gleichzeitig) verliebt in Captain Kirk, Mr. Spock, Han Solo und Horst Schimanski. Die Menschen in meiner Umgebung haben sehr unter meinem Gesülze über einen eher gefühlsbetonten Mr. Spock und einen süßholzraspelnden Han Solo gelitten. Man merkt schon, das ist eine ziemlich bunte Mischung, denn damals war ich noch in der Selbstfindungsphase und ich wusste noch nicht so recht, was ich vom Leben oder von einem zukünftigen Partner erwarte. Ja, die Vorstellung eines idealen Partners hat sehr viel damit zu tun, wenn man sich in eine fiktive Figur verliebt.

Ich kann von Glück sagen, dass es damals (also Mitte der 90er) noch kein richtiges Internet gab und ich nicht die Ausdauer hatte, die Fanfictions, die in meinem Kopf abliefen, auf Papier zu bringen. Denn sonst hätte ich genau das getan, was viele junge Autoren tun, wenn sie Fanfiction schreiben: Ich hätte meine schlecht durchdachten Geschichten, die jeglicher Logik entbehren und deren Charaktere völlig OOC sind, dem breiten Publikum zur Verfügung gestellt. Und ich hätte mich einige Jahre später dafür in Grund und Boden geschämt.

Damals hätte ich jedoch nicht einmal gewusst, das eine von dem anderen zu unterscheiden. Selbst, wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte, meine Geschichten nach einer Weile noch einmal zu lesen, wäre mir nicht aufgefallen, was für einen Schund ich da fabriziert habe. Weil ich meine Träume, Phantasien und Wunschvorstellungen so stark in das Fandom und meinen jeweiligen Lieblingscharakter projiziert habe, dass ich blind für die Realität war.

Auch in späteren Jahren ist mir das noch passiert. Meine ersten Versuche Fanfiction zu schreiben endeten in Texten, die Vorlage für das Drehbuch einer Seifenoper hätten sein können. Ja, es ging um Sonea und Akkarin in einer alternativen Fortsetzung von The Black Magician. Damals war ich 27 und hatte die Pubertät schon lange hinter mir. Meine Selbstfindungsphase war lange vorbei und ich brauchte nicht mehr zu projizieren oder meine Vorstellungen von dem perfekten Mann in das Fangirl-Objekt meiner Begierde zu projizieren. Einmal davon abgesehen, dass Akkarin zufällig all genau das verkörpert. Die ersten Versuche einer Umsetzung waren dennoch grauenhaft, wie mir beim Korrigieren auffiel (insofern bin ich dankbar, dass ich Fanfiktion.de erst ein paar Jahre später entdeckt habe und mit der Veröffentlichung meiner Fortsetzung erst angefangen habe, als ich schon beim dritten ’Buch’ war). Das Problem war hier allerdings, dass ich noch nicht das richtige Gefühl für die Charaktere hatte, denn wäre nicht dementsprechend entsetzt gewesen. Für mich ist es dann richtig, wenn ich beim Lesen der Szene denke, diese könnte auch aus dem Original stammen und die Figuren sich so anfühlen, wie sie es tun, wenn ich die Bücher lese. Heute beömmele ich mich über meine ersten Versuche in diesem Genre und stelle meinen Lesern die genialsten Stücke in Bonuskapiteln zur Verfügung. Hätte ich diese Szenen jedoch unmittelbar nach ihrem Schreiben veröffentlicht, so würde ich mich heute in Grund und Boden schämen.

Was ich damit sagen will: Es ist schwer, einen Charakter in-canon zu schreiben. Verdammt schwer. Es ist ein langwieriger und frustrierender Prozess. Ganz besonders dann, wenn es der Lieblingscharakter ist. Denn wir neigen dazu, in das was wir lieben, all unsere Wünsche und Phantasien zu projizieren und das Geliebte zu romantisieren und zu verzerren. Ich denke, besonders im Teenager-Alter geschieht dies häufig. Ich sehe ja rückblickend bei mir selbst den Schund, den ich mir damals zusammengesponnen habe, was im Umkehrschluss nicht heißen soll, dass alle Teenies ihre Charaktere ohne es zu bemerken OOC schreiben. Es ist sicher auch eine Frage der Persönlichkeit und geistigen Reife und wie sehr man seine eigene Schreibe reflektiert. Denn auch im Erwachsenenalter sind wir nicht immer davon gefeit, weil wir entgegen jeglicher aktueller Brillenmode zu dem rosaroten Modell greifen, wenn wir verliebt sind oder schwärmen. Darüber ignorieren wir jedoch oft die Realität und die dunklen Seiten einer fiktiven oder realen Person. Wir wollen nur sehen, was wir sehen wollen und das Erwachen ist oft jäh und schmerzhaft.

Aber lieben wir dann überhaupt wahrhaftig?

Wenn ich eine fiktive (oder auch reale Person) toll finde und bewundere, dann tue ich das, weil sie so ist, wie sie ist. Ich akzeptiere sie als Ganzes mitsamt ihrer dunklen Seiten. Fange ich jedoch an, jene Person zu ändern, so ist das das Gegenteil von Liebe.

Ein weiterer Faktor ist unsere eigene Interpretation. Selbst wenn diese nicht von unseren Wünschen und Vorstellungen beeinflusst wird, haben unterschiedliche Personen unterschiedliche Interpretationen von ein und derselben Sache. Denn wir alle sind ein Produkt aus unseren Erfahrungen und unserer Umwelt und beides fließt in unsere Persönlichkeit ein und färbt unseren Blick auf die Welt.

Auch ich könnte nicht sagen, ob ich wirklich davon gefeit bin. Ich glaube jedoch, mich sehr nahe am Original zu bewegen. Denn sonst würde mir beim Korrigieren der Unterschied zu den Büchern förmlich ins Auge stechen und ich hätte nicht so viele Leser, die sich nur wegen meiner Geschichten auf Fanfiktion.de anmelden und mir schreiben, dass meine Geschichten all ihre Vorurteile über Fanfictions ausgeräumt haben. Ich lege sehr viel Wert darauf, OOC-ness zu vermeiden, weil ich sonst nicht glücklich mit dem Resultat bin. Aber was ist mit den blinden Flecken der Charaktere, die Interpretationsspielraum bieten? Gestalte ich diese konsequent? Und was ist mit Sonea, die mir so ähnlich ist, wie keine andere fiktive Figur? Führe ich sie in meiner Fortsetzung und ihrer Einstellung und ihren Gefühlen gegenüber Akkarin konsequent fort, weil es das ist, was ich aus ihrem Verhalten in den Büchern, insbesondere in The High Lord, heraus interpretiere? Oder meine ich nur, das zu tun, weil die Grenzen zwischen mir und ihr verschwimmen? Und was bedeutet das dann für ‚meinen‘ Akkarin? Auch er besitzt in meinen Fanfictions Eigenschaften, die für mich aus seinem Verhalten in den Büchern folgen, weitere sind Überlegungen, zu denen ich auf Grund seiner Vorgeschichte gelangt bin. Wenn ich das Gefühl habe, dabei zu weit zu gehen, dann nehme ich diese Szenen aus meinen Geschichten raus. Aber vielleicht projiziere sogar ich bei ihm, um ihn für mich noch perfekter zu machen, indem ich diese blinden Flecken seiner Persönlichkeit nach meinem Gutdünken ausgestalte. Nur, dass der Rest seiner Figur konsistent immerhin mit den Büchern ist. Aber indem ich immer wieder hinterfrage, ob meine Charaktere noch so wie im Original sind und kleine Ausreißer korrigiere, habe ich schon einen großen Schritt getan, ihrer Vorlage gerecht zu werden und ihnen den Respekt zu erweisen, den sie verdienen.

Ich glaube, dass diese Projektion der Grund dafür ist, warum beliebte Charaktere in Fanfictions so oft OOC geschrieben werden. Die Autoren jener Geschichten bemerken das nicht, weil sie in ihren Wunschvorstellungen gefangen sind. Und auch die Leser, die solche Geschichten mit „Akkarin ist bei dir genau so wie ich mir ihn immer vorstelle!“ und „das Pairing ist ja sooo süüüüß!“ kommentieren, sehen dies nicht, weil auch sie in ihren Wunschvorstellungen gefangen sind. Beunruhigend wird das erst, wenn sie Selbiges zu meinen Geschichten schreiben, denn ich kann ihnen in diesem Fall nicht glauben. Zum Glück sind das die Ausnahmen, jene Leser rühren meine Geschichten nämlich in der Regel nicht an und ich schenke lieber denen Glauben, die nicht rumquietschen, die konstruktiv sind und die ihre Vorurteile überwinden konnten.

So sehr ich ungewollte OOC-ness auch nachvollziehen kann – mir selbst tut es in der Seele weh, so etwas zu lesen. Denn ich liebe meine Lieblingscharaktere, weil sie so sind, wie sie sind, und ich lese Geschichten über sie, weil ich nicht genug von ihnen bekommen kann.

Nein, ich will kein unfreiwilliges OOC lesen. Meine bisherigen Erfahrungen damit waren verstörend und ich habe keine dieser Geschichten länger als ein Kapitel ausgehalten. Das gilt insbesondere für mein eigenes Fandom. Ich will weder von einem süßholzraspelnden, verweichlichten Akkarin lesen noch von einer Sonea, die sich wie ein pubertärer Teenager aufführt und ihren Mentor ohrfeigt. Denn dann bin ich verstört. Zutiefst.

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