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In Vorbereitung auf diesen Artikel hatte ich vor einer Weile meine Meinung zum OOC-Phänomen im Allgemeinen geschrieben. Ich finde, damit genug Verständnis gezeigt zu haben. Bei meiner Lieblingsbuchreihe – insbesondere meinem Lieblings-Buchcharakter – findet alles Verständnis jedoch ein jähes Ende.

Da Akkarin das Fangirl-Objekt von so ziemlich jedem weiblichen Leser von The Black Magician ist, wird sein Charakter am stärksten und häufigsten verzerrt und zu einer Art romantischem Helden idealisiert. Oft hat er mit seiner facettenreichen und faszinierenden Vorlage nicht viel mehr als seinen Namen und die schwarzen Roben gemein und er wird auf etwas reduziert, was einfach nicht mehr akkarin ist.

Obwohl ich die Gründe nachvollziehen kann, verstören mich die Resultate. Wäre es gewollte OOC-ness, so könnte ich dem unter Umständen etwas abgewinnen, wenn die Umsetzung amüsant ist. Aber ich habe außer einer AU-Fanfiction, in der Akkarin und Sonea böse sind, bis jetzt noch Geschichte gefunden, in der das der Fall wäre.

Wenn ich eine fiktive oder reale Person toll finde und bewundere, dann tue ich das, weil sie so ist, wie sie ist. Ich würde sie niemals ändern wollen und ihre negativen Seiten als Teil ihrer selbst akzeptieren. Fange ich an, jene Person zu ändern, so ist das frei nach Max Frisch das Gegenteil von Liebe. Denn in unserem Geist entsteht ein Bildnis dieser Person, das sie uns so sehen lässt, wie wir sie sehen wollen. Dabei ignorieren wir beflissentlich, was wir nicht sehen wollen und projizieren in die Person ein Stück von uns selbst. Egal ob Buchcharakter oder reale Person – sobald der Punkt, an dem ich anfange jemand anderen zu verbiegen, erreicht ist, ist dieser Mensch nur noch ein Platzhalter für meine eigenen Wünsche und Phantasien.

Tue ich dies einem Buchcharakter an, der sich dagegen nicht einmal wehren kann, so ist das in gewisser Weise eine Vergewaltigung dieser Figur. Wie kann das dann noch Fan-Liebe sein?

Wir alle, die wir Akkarin anhimmeln, tun dies, weil er so ist, wie er ist: finster, mysteriös, skrupellos, hart und unberechenbar – und vor allem absolut ehrfurchtgebietend. Ihn dieser Eigenschaften zu berauben ist, als würde man eine andere Figur aus ihm machen – eine Figur, in die wir uns nicht verliebt haben.

Liebe Fangirls, bitte nehmt diesen Artikel, so provokant er sein mag, nicht persönlich. Betrachtet ihn als Augenöffner. Und vielleicht stimmt ihr mir nach dieser Lektüre sogar zu, dass euer geliebter Akkarin kein romantischer Held ist.

Akkarin ist nicht ’schön’. Er betrinkt sich nicht sinnlos, prügelt sich nicht mit anderen Magiern, macht keine Strandausflüge mit den Novizen, schreitet nicht wie der strahlende Ritter ein, wenn Sonea von anderen Novizen gemobbt wird – und er raspelt garantiert kein Süßholz.

Der prä-Sachaka Akkarin

„Believe me. There was nothing good in always being second place. Next to you, I may as well have been invisible – at least when it came to the ladies. If I’d known, we’d both end up as bachelors, I wouldn’t have been so jealous of you.“ Lorlen, Kapitel 28, The Novice

In seiner Jugend war Akkarin völlig anders, als wir ihn aus den Büchern kennen. Aus dem wenigen, was wir beim Lesen erfahren, lässt sich jedoch einiges über seinen damaligen Charakter ableiten. Auch als Novize war Akkarin ein Anführer und hatte vor allem zwei Dinge im Kopf: Flausen und Mädchen. Sein Freund Lorlen stand in jeder Hinsicht in seinem Schatten, hat aber immer mitgemacht, wenn es darum ging, ihre Kräfte in der Arena zu messen oder Lord Margens Unterricht zu schwänzen.

Wären die darauffolgenden Jahre nie geschehen, wäre Akkarin vielleicht zu einer Kombination aus Regins positiven Eigenschaften und Dorriens Flapsigkeit geworden. Oder etwas Ähnlichem. Vielleicht sogar zu einem romantischen Helden. Aber dann kam ihm Sachaka dazwischen.

Sachaka

Die fünf Jahre, die Akkarin in Sachaka verbracht hat, sind das düsterste Kapitel seines Lebens. Er ging dorthin in einem Drang nach Abenteuer und der Suche nach verlorenem magischen Wissen und geriet in die Hände eines schwarzen Magiers namens Dakova, der ihn zu seinem Sklaven machte. Abgesehen von harter körperlicher Arbeit und diverser Bestrafungen, musste Akkarin noch ganz andere Dinge über sich ergehen lassen: Sein Meister nahm ihm jeden Tag seine Magie, um ihn schwach zu halten, und las seine Gedanken. Er hat sogar anderen Magiern erlaubt, Akkarins Gedanken zu lesen, damit diese sich selbst von der Schwäche der Gilde überzeugen konnten. Für ihn war Akkarin ein Spielzeug, sein ’pet Guild magician’, mit dem er seine Gäste unterhalten konnte. Dakova wird in Akkarins Erzählungen in The High Lord als Sadist beschrieben und es ist gut, dass Akkarin nicht näher ausführt, was genau passiert ist:

„He seemed to enjoy the hunt – and the punishment he dealt out afterwards.“ Akkarin, Kapitel 7, The High Lord

„But as I witnessed what Dakova was capable of, I cared less about what the Guild did and didn’t allow. He did not need black magic to perform evil. I saw him do things with his bare hands that I will never forget.“ Akkarin, Kapitel 7, The High Lord

Man könnte nun meinen, das für sich genommen sei bereits entsetzlich genug. Aber es kam noch schlimmer, als Akkarin sich in die Bettsklavin seines Meisters verliebte. Es war eine schmerzhafte und unerfüllte Liebe. Sie durften einander nicht berühren, aus Furcht, Dakova würde sie beide töten. Zudem hatte dieser seine Freude daran, beide für ihre Gefühle füreinander zu quälen.

„Dakova knew [it]. We dared not touch each other. He would have killed us if we had. As if it was, he enjoyed tormenting us any way he could. She was his … his pleasure slave.“ Akkarin, Kapitel 29, The High Lord

Zwar erspart Akkarin uns die Details, doch ich denke, es bedarf keiner großen Phantasie, um sich den Rest zu denken. Was auch immer damals passiert ist, es wird Akkarins Vorstellungen von Liebe, Sex und Beziehungen und seinen Glauben an das Gute im Menschen im Allgemeinen zutiefst erschüttert haben. Wenn man etwas über Jahre hinweg vorgelebt bekommt, wird es irgendwann zur Normalität – und zu einem Teil von einem selbst. Jemandem, dem so etwas widerfahren ist, wird es schwerfallen, sich auf eine Beziehung einzulassen. Und nicht nur das. Eine solche Erfahrung hat Einfluss auf die Art und Weise, wie man eine Beziehung führt. Einschneidende und traumatische Erlebnisse können bestimmte Grundzüge unseres Wesens fördern oder unterdrücken – welche, das hängt von der Art des Erlebnisses und unserer Persönlichkeit ab. So wie Akkarin in den Büchern dargestellt wird, habe ich eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie Sachaka ihn in dieser Hinsicht verändert hat. Ich bezweifle, dass viele Frauen damit zurechtkämen.

Fünf Jahre lang hatte Akkarin weder Kontrolle über sein Leben noch über seine Magie und deren Einsatz. Er war gezwungen, sich einem Mann unterzuordnen, der für seine Grausamkeit gefürchtet war. Und seine Gefühle für die Frau, die er geliebt hat, wurden auf übelste Weise gegen ihn eingesetzt.

So etwas prägt einen Menschen. Für den Rest seines Lebens.

Der ehrfurchtgebietende Hohe Lord

Akkarin konnte nur aus Sachaka fliehen, indem er das lernte, mit dem er gefangen gehalten wurde: schwarze Magie. Allerdings musste er dazu seinen Eid und eines der wichtigsten Gesetze der Gilde brechen. Um seinen Meister zu töten und die Freiheit zu erlangen, war ihm dieses Mittel jedoch recht.

Zurück in Kyralia hat er all dies für sich behalten. Dafür hatte Akkarin mehrere Gründe. Zum Teil hat er sicher auch aus Scham geschwiegen. Kein Magier würde gerne zugeben, Sklave eines anderen, noch mächtigeren Magiers gewesen zu sein. Doch es steckt viel mehr dahinter als das: Indem Akkarin der Gilde von Sachaka erzählt hätte, hätte er nicht nur riskiert, für das Erlernen und Töten mit schwarzer Magie exekutiert zu werden. Er hätte auch einen Angriff aus Sachaka heraufbeschworen. Stattdessen führte er acht Jahre lang einen heimlichen Kampf gegen die Assassinen, die Dakovas Bruder und dessen Verbündete nach Kyralia schickten.

Das alles klingt auf den ersten Blick ein wenig nach The Dark Knight. Doch wo Batman schon kein strahlender Superheld ist und seine dunklen Seiten hat, ist Akkarin zu skrupellosem und unberechenbarem Handeln fähig. Um sein Geheimnis zu wahren und damit zugleich die Gilde vor einer großen Dummheit zu bewahren, liest er die Gedanken seines besten Freundes und kontrolliert ihn mit einem schwarzmagischen Artefakt. Er entreißt eine junge Novizin ihrer einzigen Vertrauensperson und zwingt beide auf diese Weise, Stillschweigen zu bewahren.

Spätestens an dieser Stelle sollte eigentlich jedem klar sein, dass dieser Mann kein romantischer Held sein kann.

Von Akkarin als Novize eingefordert zu werden, ist auch nicht gerade das, was ich als spaßig bezeichnen würde. Zumal man in diesem Fall unter dem Erwartungsdruck der Gilde steht. Nicht, dass Akkarin ein schlechter Mentor wäre. Er sorgt dafür, dass man die Anforderungen erfüllt, bleibt dabei jedoch fair. Er achtet darauf, dass sein Novize sich nicht überarbeitet, und kümmert sich um Lernschwächen, indem er geeignete Lehrer zur Verfügung stellt. Das Problem liegt eher darin, dass man als Novize des Hohen Lords automatisch zur Zielscheibe der anderen Novizen wird, was einen in eine Außenseiterrolle katapultiert.

„I suppose if Akkarin came to rescue you all the time, people would say you weren’t a good choice. The novices are all jealous of you, not realising that they would be in the same situation if they were the High Lord’s favourite, even if they are from the Houses. Any novice he chose would be a target. Always expected to prove themselves.“ Dorrien, Kapitel 34, The Novice

Besonders Sonea hat es schwer, nachdem sie Akkarins Novizin geworden ist. Zuerst scheint es, als würde Regin es nicht mehr wagen, sie zu belästigen, doch als dieser herausfindet, dass sie ihren neuen Mentor fürchtet, macht er fröhlich weiter. Akkarin mag der mächtigste Magier der Gilde sein und doch sind ihm an dieser Stelle die Hände gebunden. Sonea will keine Hilfe und es würde ihr nicht den Respekt der anderen Magier und Novizen einbringen, wenn Akkarin ihr zur Hilfe eilt. Vielmehr würde sie sich erst recht zum Gespött der anderen machen.

Sonea kann sich nur selbst aus ihrer Situation befreien und das weiß Akkarin:

„She’ learning to defend herself in ways neither Balkan nor Yikmo can teach her. I’m not going to stop Regin and his accomplices. They’re the best teachers she has.“ (Kapitel 33, The Novice)

Auf Außenstehende wirkt Akkarin daher hart und herzlos. Dabei wird leider oft vergessen, dass er selbst auf Grund der oben genannten Argumente keine andere Wahl hat, zumal man getrost davon ausgehen kann, dass er die Situation unter Kontrolle hat.

Übrigens entspricht Akkarin auch äußerlich nicht gerade dem gängigen Schönheitsideal. Zumindest wenn man Pittbretter und Ryan Goslings als Vergleich wählt. Akkarin ist groß, ziemlich hager und blass (was übrigens nicht daher kommt, dass er ein Vampir ist, sondern weil er nachts Sachakaner in der Stadt jagt. Und weil er Kyralier ist). Seine Gesichtszüge werden zudem als harsch beschrieben und sein Blick ist stechend und durchdringend. Das ist attraktiv und männlich. Aber nicht ’schön’.

Das Schönste an ihm sind wohl seine Hände, für die ich zugegebenermaßen einen kleinen Fetisch entwickelt habe. Aber ich darf das, denn schließlich bin ich nur eine perverse Fanfiction-Autorin.

Akkarin und Beziehungen

Dieser Abschnitt basiert zum Teil auf der Theorie, die ich anhand von Akkarins Charakterisierung in den Büchern und den damit verbundenen Schlussfolgerungen über seine Zeit in Sachaka aufgestellt habe. Leider kommt es in den Büchern nicht so weit, dass man als Leser beurteilen könnte, wie Akkarin sich in einer Beziehung im Alltag verhalten würde. Als er und Sonea zusammenkommen, befinden sie sich in einer Ausnahmesituation, in der sie sich dem Umständen entsprechend verhalten.

In folgenden Dingen besteht für mich kein Zweifel:

Nach seiner Rückkehr aus Sachaka bleibt Akkarin trotz zahlreicher Heiratsanträge Junggeselle, um sein finsteres Geheimnis zu wahren. Möglicherweise hat er eine Weile seiner verlorenen Liebe hinterher getrauert. Sollte er als Hoher Lord schon Gefühle für Sonea gehegt haben, wofür es einige Indizien gibt, so würde er dennoch keine heimliche Beziehung mit ihr anfangen, weil er dafür zu verantwortungsbewusst ist und zu überlegt handelt. Dies – und ich bin sicher, hier ist Canavan entweder ein Fehler unterlaufen oder es ging nur darum, ein Trostpflaster für den Leser zu schaffen, zumal die Begründung im Buch lächerlich ist – würde zudem dafür sorgen, dass er nicht mit einer Frau intim ist, ohne die nötigen Vorkehrungen zu treffen, wenn die Frau es nicht kann. Allerdings bringt jede Frau ihn in einen Loyalitätskonflikt mit der Gilde, was einer der Gründe ist, warum er auch dann noch zögert, sich auf Sonea einzulassen, als sie nicht mehr Mentor und Novizin sind.

Deswegen bezweifle ich stark, dass Akkarin und seine Liebste nach drei Kapiteln „ich liebe dich“ hauchend einander in die Arme sinken. Überhaupt erscheinen mir Akkarin und Romantik zur gleichen Zeit am gleichen Ort wie eine Verletzung der Heisenbergschen Unschärferelation.

Wenn Akkarin jemals eine romantische Ader hatte, ist diese in Sachaka gestorben.

Ich bin überzeugt, dass man für eine Beziehung mit einem Mann wie Akkarin geschaffen sein muss. Seine machtvolle und ehrfurchtgebietende Persönlichkeit impliziert ein gewisses Machtgefälle. Selbst als er und Sonea im Buch aus ihren gewohnten Rollen herausgelöst sind, wird dieses nicht ganz aufgelöst. Sonea ist stark genug, um damit umzugehen und es gibt Hinweise, dass sie ihn unter anderem auch deswegen mag. Andernfalls hätte sie sich vermutlich für Dorrien entschieden, der das komplette Gegenteil von Akkarin ist.

Die wahre Herausforderung sehe ich jedoch in seinen Erfahrungen in Sachaka, die ich weiter oben bereits beschrieben habe. Außerdem bin ich überzeugt, dass Akkarin einen latenten Kontrollzwang entwickelt hat. Warum? Weil er fünf Jahre keinerlei  Kontrolle über sein Leben hatte und sein komplettes Denken und Handeln fremdbestimmt waren. Zurück in Kyralia schlug dies in Gegenteil um: Er musste sich selbst kontrollieren, indem er seine Gedanken und Gefühle hinter einer Maske verbarg, damit niemand sehen konnte, was Sachaka aus ihm gemacht hatte. Er musste die Kontrolle über die Situation mit den sachakanischen Spionen behalten, was schließlich dazu führte, drei Menschen in seinem Umfeld ebenfalls zu kontrollieren. Akkarin ist kein Kontrollfreak, doch Kontrolle zu haben und auszuüben ist zu einem zentralen Bestandteil seines Lebens geworden, den er nicht mehr ablegen kann. Er missbraucht seine Kontrolle nur, wenn es einem höheren Wohl dient. Tatsächlich glaube ich sogar, dass Akkarin mit dieser Seite an sich hadert, wenn Menschen ins Spiel kommen, die ihm etwas bedeuten – zumindest ist sicher, dass er es bedauert, wenn ihm keine Wahl bleibt. Trotzdem ist dies ein weiterer Punkt, der jede intime Beziehung problematisch macht.

Fazit

Ohne all die in diesem Artikel beschriebenen Eigenschaften wäre Akkarin nicht Akkarin. Sie machen ihn zu einer einzigartigen Romanfigur. Aber sie wären auch nicht da, hätte er nicht diese tragische Vergangenheit hinter sich, die aus einem jungen und unbeschwerten Magier den finsteren und ehrfurchtgebietenden Hohen Lord gemacht hat. Natürlich hat Akkarin auch viele positive Eigenschaften. Denn wie sonst sollten wir ihn mögen? Dennoch machen diese ihn nicht zu einem romantischen Helden. Sie sorgen nur dafür, dass er nicht das Ungeheuer ist, das Sonea, Lorlen und Rothen so lange in ihm sehen.

Man kann Akkarin gerne und ausgiebig für alles, wofür er steht, fangirlen. Aber wenn man sich dazu entscheidet über ihn eine Fanfiction zu schreiben, dann muss man auch all seine dunklen Seiten und die sich daraus ergebenden Konsequeznen im Hinterkopf behalten, um eine realistische Umsetzung zu schaffen, und nicht eine, die zwar in ihren Äußerlichkeiten Akkarin ähnelt, in ihrem Herzen jedoch ein Dorrien ist.

Romantische Helden gibt es in Hollywood-Komödien oder bei Disney. Nicht bei Canavan.

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