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Dieser Artikel entstand aus meinen Gedanken zu meinen neusten schriftstellerischen Ergüssen – sprich dem Auftakt meiner zweiten Fanfiction-Trilogie. Potentielle Wortspiele sind kein Zufall.

Sex in Geschichten ist ein ziemliches Streitthema. So kommt es mir zumindest vor. Abgesehen von Erotik- und Liebesromanen kann Sex quer durch alle Genres eine Rolle spielen, besonders wenn Genre-Grenzen verwischen oder das Sexleben der Figuren von Bedeutung für die Handlung und die Entwicklung der Figuren ist.

Es gibt aber auch Leute, die sagen, dass Sex außer in Erotik und Romanzen nichts zu suchen hat. Mir persönlich wäre dies zu krass, weil Sex abgesehen davon, dass es die schönste Nebensache der Welt ist, ein wundervolles Stilmittel darstellt, um die Beziehung zweier Figuren zu definieren. Sex sollte nicht (ausschließlich) verwendet werden, um den Leser zu fesseln. Gekonnt eingesetzt erfüllt er das Leben der Figuren jedoch mit Lebendigkeit und arbeitet ihre Beziehungen und Dynamiken auf eine Weise heraus, wie es anders nicht möglich wäre.

Für mich hat sich lange Zeit nicht die Frage gestellt, ob und wie viel Sex gut und richtig – und auch notwendig ist. Wie mit allem folge ich beim Schreiben auch hier meinem Instinkt. Beim Schreiben der ’Königsmörderin’ habe ich das jedoch erstmals in Frage gestellt.

Meine Fanfictions sind ein Mix aus verschiedenen Genres. Es ist nicht einfach nur eine Fantasygeschichte, sondern stößt wie das Original in andere Genres vor, zumal Fantasy für mich vor allem bedeutet, dass die Handlung in einer fiktiven Welt mit phantastischen Elementen spielt. Angepasst an das Setting erleben die Figuren ihre persönlichen Dramen, Abenteuer, und Glücksmomente und nicht selten dreht sich die Rahmenhandlung um Krieg, Politik und Intrigen – nur eben auf die fiktive Welt zugeschnitten. Erotische Szenen dienen mir dazu, die Beziehung von zwei Figuren unter bestimmten Aspekten genauer zu beleuchten. Das ist inbesondere dann der Fall, wenn die Beziehung auf mehreren Ebenen stattfindet und die Sex-Ebene dabei eine sehr tiefe, emotionale Ebene darstellt, auf der das Ausmaß und die Tiefe von Liebe, Vertrauen und Loyalität der jeweiligen Figuren erst wirklich offenbar wird. Sexuelle und erotische Anspielungen und frühzeitig ausgeblendete Szenen verwende ich dagegen, um der Beziehung der Figuren Leben einzuhauchen und bestimmte Aspekte ihrer Persönlichkeit zu ergänzen. Es macht mir Spaß das zu schreiben, weil ich die damit verbundene Lebendigkeit und Paar-Dynamiken als liebenswert empfinde und mir manche Figuren ohne das unvollständig vorkämen. Und aus demselben Grund lese ich das auch gerne.

Da ich fiktive Figuren als eine Art treue Weggefährten wahrnehme, habe ich mit der Zeit eine Autorenmacke entwickelt, indem ich versuche, beim Schreiben von Sexszenen die Würde der Figuren zu bewahren – egal, was für einen Schweinkram sie da gerade treiben (ich habe da so ein paar Kandidaten, die das regelrecht herausfordern). Das ist nicht immer einfach, ganz besonders wenn Missbrauch im Spiel ist, was ich leider auch schon schreiben musste. In manchen Fällen blende ich sogar bewusst aus. Es gibt eine Charakterkonstellation, bei der ich grundsätzlich so verfahre, sobald die beiden zur Sache kommen, da ich sie mir so bewahren will, wie ich sie im Original wahrnehme und sie ohne diese Ergänzung auskommen, weil sie bereits vollständig sind.

Es schadet nicht, im Zusammenhang mit erotischen Szenen über die Würde einer fiktiven Figur nachzudenken. Alles, was die Würde der Charaktere verletzt, sollte nicht in der Szene enthalten sein und der Phantasie der Leser überlassen werden. Denn dann ist es zu viel. Spätestens dann zerstört man das Bild, das die Leser von diesen Figuren haben. Manchmal kann es auch nicht schaden, ein bisschen mehr der Phantasie zu überlassen. Allerdings ist das selbst dann noch möglich, wenn man die Szene komplett schreibt, sich jedoch weniger auf den eigentlichen Akt, als auf die Gedanken und Gefühle der Figuren und ihr erlebtes Miteinander konzentriert. Denn das ist es, was die Essenz der Figuren und ihrer Beziehung zueinander ausmacht.

Aber was, wenn die Figuren so viel Sex im Kopf haben, dass ich mich schon beim Schreiben leicht genervt frage: Muss das jetzt schon wieder sein?

So erging es mir während der vergangenen Monate, als ich das Gerüst von ’Die Königsmörderin’ schrieb. Nach ein paar Kapiteln wurde das Sexleben eines bestimmten Paares wirklich anstrengend. Der Zeitpunkt, ihnen den geplanten Riegel vorzuschieben, war noch lange nicht erreicht. Es gibt mehrere Möglichkeiten, mit so etwas umzugehen. Man kann die Sexszenen rigoros rauskürzen. Allerdings sollte man bei so etwas aufpassen. Versucht man zu sehr, die Kontrolle über die Charaktere zu übernehmen, so kann das gewaltig nach hinten losgehen. Besonders dann, wenn die Charaktere rebellisch und eigensinnig sind und schon vor langer Zeit ein starkes Eigenleben entwickelt haben. Unterbindet man dieses, so verlieren diese Figuren schnell an Authentizität. Also muss ich, wenn sie es mir zu wild treiben, einen anderen Weg finden, um sie davon abzuhalten.

Also habe ich besagtem Paar eins ausgewischt und dafür gesorgt, dass sie erwischt werden. Das hatte zwei verstörte Kinder und ein ziemlich absurdes Aufklärungsgespräch zur Folge. Denn wie erklärt man seinen Kindern den Teil, der rein gar nichts mit der Fortpflanzung zu tun hat und in die Kategorie ’Erwachsenenspiele mit AVL-Rating’ fällt? Und das so, dass sie nicht auf die Idee kommen, es nachzumachen, weil sie auf dem besten Weg sind, so schlimm wie ihre Eltern zu werden?

Während das für alle an der Szene Beteiligten ziemlich unangenehm war, hatte ich beim Schreiben dieser großen Spaß. Zum Glück waren die Kinder zu entsetzt, um es nachzuspielen. Es hatte sogar den positiven Nebeneffekt, dass sie ihren Vater von da an mehr gefürchtet haben, was mir wiederum andere Autorenprobleme erspart hat.

Besagtes Pärchen hatte schon immer ein ziemliches Eigenleben, was schlichtweg in ihrer Persönlichkeit liegt. Wer sich gegenüber den anderen Figuren rebellisch verhält oder sich nicht kontrollieren lässt, tut auch gegenüber der (armen) Autorin nur bedingt. Und das ist auch gut so, denn sie würden ihre Authentitzität einbüßen, würde ich versuchen, sie in ein Schema zu pressen. Allein sind sie rebellisch, stur und unkontrollierbar – zusammen sind sie eine Naturgewalt. In ’Der Spion’ waren sie noch verhältnismäßig unschuldig. Verhältnismäßig deswegen, weil er da schon nicht mehr unschuldig war und ich daher nach dem Hochladen der ersten angedeuteten (!) Szenen panische Kommentare von Lesern hatte, die befürchteten, ich würde ein zweites 50 Shades of Grey schreiben („Machen die da SM? Ich weiß nicht, ob ich das lesen will …“), während andere genau diese Vorstellung gutfanden und mich gefagt haben, ob ich diese Bücher gelesen hätte. Wieder andere sind einfach nur von der emotionalen Tiefe dieser Beziehung begeistert und würden es nicht anders lesen wollen.

Also ist es anscheinend so, dass selbst bei harmlosen Andeutungen schon die Meinungen auseinandergehen. Nicht, dass ich etwas am Miteinander dieser Figuren geändert hätte. Sie tun genau das, was ihrer Persönlichkeit entspricht und wenn das bei manchen Figuren etwas BDSM-lastig ist, dann ist das auch kein Skandal. Ich sehe das völlig entspannt. Schließlich gibt es BDSM-ähnliche Praktiken, seit es Menschen gibt (oder zumindest seit der Antike). Bei anderen Figuren würde ich dagegen schon bei der bloßen Vorstellung in lautes Gelächter ausbrechen. Ich war damals dennoch etwas unsicher, was ich den Lesern zumuten kann, und wo ich besser zensieren oder ausblenden sollte, weil ich in Bezug auf das Veröffentlichen blutiger Anfänger war und Die Black Magician-Bücher nun wirklich sehr, sehr jugendfrei sind.

Heute beschwert sich niemand mehr und inzwischen finde ich diese Szenen aus den ersten Kapiteln vor allem eines: süß und unschuldig. Da passiert noch nicht einmal was. Inzwischen finde ich sogar diese Szene aus Kapitel 25 süß, bei der man erstmals eine Ahnung davon erhält, wie mein Hauptpair – insbesondere er – so drauf ist, wenn auch man das Warum erst sehr viel später erfährt. Damals beim Hochladen hatte ich dagegen regelrecht Angst, dass mir deswegen die Leser weglaufen. So weit ich das sagen kann, ist das jedoch nicht passiert.

Und da wir schon beim Thema sind, möchte ich das noch einmal für alle Zeiten festhalten:

Nein, ich orientiere mich nicht an 50 Shades of Grey. Bis heute habe ich die Bücher nicht einmal gelesen. Ich habe mir von mehreren Personen sagen lassen, dass sie nicht besonders gut sein sollen und der Sex nicht ernstzunehmen ist. Andere wiederum sagen, dass es sich dabei um Missbrauch handelt. Allein, um mir mein eigenes Urteil zu bilden, stehen sie auf meiner Leseliste. Bis zu jenen Szenen im ’Spion’, sämtlichen Szenen in ’Die zwei Könige’ und all jenen aus der ersten Trilogie und aus ’Unter tausend schwarzen Sonnen’, die noch nicht online sind, hatte ich aus diesem Genre nur Die Geschichte der O gelesen. Und das ist definitiv keine schlechte Erotik.

Das bringt mich jedoch zu einer anderen Frage:

Wie weit darf man es als Autor überhaupt treiben? Was wenn die Charaktere sich so sehr verselbständigen, dass sie anfangen ihren Sex auf eine Weise zu praktizieren, von der man einmal für sich selbst definiert hat, dass sie das niemals tun, weil es das eigene Bild von ihnen zerstört?

So wie ich das sehe, gibt es Paare, deren Sexleben mit der Zeit einschläft und solche, bei denen es aufblüht. Mit der Zeit lernt man sich besser kennen, traut sich eher, Wünsche zu formulieren und testet auch gemeinsam Grenzen aus. Zumindest, wenn man einen tollen Partner hat, mit dem man auf einer Wellenlänge ist und beide ein wenig experimentierfreudig sind. Es kann auch passieren, dass man feststellt, dass die Vorlieben zu unterschiedlich sind, um auf Dauer miteinander glücklich zu werden, sofern man das nicht zu Beginn der Beziehung klärt (was meiner Meinung nach der bessere Weg ist).

Mein besagtes Pärchen hat dieses seltene Glück. In ’Die Königsmörderin’ ist es seit 13 Jahren zusammen, hatte also dementsprechend viel Gelegenheit, sich auszuprobieren. Was sie tun, passt hervorragend zu ihrer Dynamik und ihren Persönlichkeit. Bei ihnen habe ich immer das Gefühl, um solche Szenen auf Dauer nicht herumzukommen, weil ihre Beziehung auf so vielen Ebenen stattfindet, die sich miteinander vermischen. Wenn ihre Beziehung nicht mehr harmonisch läuft, kann das für ihre offizielle Funktion verheerende Folgen haben, so eng sind die beiden miteinander verwachsen. Von allen Paaren in meinen Geschichten sind sie das mit der tiefsten emotionalen Verbindung und beiden sind in der Vergangenheit genug Dinge widerfahren, die ihr Sexleben auf die eine oder andere Weise zusätzlich zu ihrer Natur beeinflussen. Also lassen sich diese Szenen gar nicht vermeiden, wenn ich ihre individuelle Entwicklung und ihre Entwicklung als Paar beschreiben will. Nicht, wenn sie so unglaublich zentral für die Geschichte sind.

Ich muss gestehen, ich habe bei keiner dieser Szenen in ’Die Königsmörderin’ gekniffen. Ich habe sie mit all ihren Schweinereien aufgeschrieben. Allen. Seltsamerweise haben sie das Bild nicht zerstört, sondern eher komplettiert. Das einzige Mal, wo ich die Würde der beteiligten Charaktere in Gefahr sah, war widersinnigerweise die während des NaNoWriMos auf Twitter und FB erwähnte Blümchensexszene, weil es so überhaupt nicht ihnen entsprochen hat, für die Geschichte an dieser Stelle jedoch zwingend notwendig war. (Ich glaube, ich habe den beiden noch nie etwas Grauenhafteres angetan. Es hat einfach nur weh getan. Es war wie eine Parodie von schlechtem Sex und ich glaube, ich werde diese Szene genau so stehenlassen oder sogar noch mehr auf die Spitze treiben. Als Stilmittel sozusagen.)

Nichtsdestotrotz stellt sich mir die Frage, wo man eine Grenze zieht.

Manche behaupten ’Sex sells’ und dass die Leser drauf abfahren. Je härter und je häufiger, desto besser. Ich persönlich sehe es als schlechten Stil, Sexszenen einzubauen, die für den Plot keine Bedeutung haben. Das erweckt den Eindruck, als wüsste der Autor keinen anderen Weg, um die Leser bei der Stange zu halten. Und selbst in einem Erotikroman sollte Sex nicht die Geschichte dominieren. Auch sollten die Vorlieben und Praktiken zu den Figuren passen (Näheres dazu auch in meinem Schreibmeer-Artikel Kamasutra, Bondage und Blümchensex – Worauf steht dein Charakter?). Zudem bin ich der Ansicht, dass es so etwas wie ’zu pervers’ nicht gibt, solange keine Kinder oder Tiere zu Schaden kommen und alles einvernehmlich geschieht, weil das Wort ’pervers’ meiner Meinung nach aus einer prüden Weltanschauung resultiert. (Aber vielleicht muss ich das auch sagen, weil ich Fanfiction-Autorin bin.)

Aber was, wenn die Beziehung von zwei Charakteren mitsamt ihrer Dynamik so grundlegend für die Geschichte ist, dass man nicht darauf verzichten kann? Und ist die Tatsache, dass die Charaktere in meinen Fanfictions Dinge tun und wie sie sie tun, nicht auch Bestandteil meiner ’Marke’? Ich ’verderbe’ die Charaktere in meinen Geschichten nicht grundlos. Einige sind auf Grund ihrer Kultur so, anderer auf Grund von Erfahrungen mit dieser und ihrer speziellen Art und Weise damit umzugehen, was wiederum in ihrer Persönlichkeit verankert liegt. Ich sehe nicht ein, warum ich etwas beschönigen oder verharmlosen soll, wenn es nötig ist, um meine Figuren in all ihren Facetten zu beschreiben und mit Leben zu erfüllen, wo es der Geschichte in meinen Augen einen Mehrwert verleiht, der nichts mit der Befriedigung der Leser zu tun hat.

Und mir stellt sich die Frage, inwiefern mein Empfinden mich nicht trügt. Fühlt es sich für mich nur richtig an, weil ich nach 6 Jahren so eng mit diesen Figuren verwachsen bin? Oder kann ich auf mein Empfinden vertrauen? Würden die Leser sich beschweren, wenn es ihnen zu viel wird, oder würden sie aus Furcht vor meiner Reaktion schweigen?

In meinen Augen gibt es auf die Frage, wie viel Sex in einer Geschichte gut und richtig ist, keine allgemeingültige Antwort. Dafür sind die Geschmäcker zu verschieden. Was für den einen zu viel ist, ist für den anderen genau richtig. Für mich ist es dann richtig, wenn es einen Mehrwert für die Geschichte hat. Und es ist zu viel, wenn das Korrekturlesen in ein WTF-Erlebnis ausartet und ich mich frage, inwiefern das jetzt noch für die Geschichte wichtig ist. Ich bin gespannt, wie das wird, wenn ich mein aktuelles Projekt überarbeite. Ich kann und will es anderen nicht recht machen. Ich kann nur versuchen, realistisch zu bleiben, sensible Themen angemessen zu behandeln und nichts auf die Leser loszulassen, was ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann.

Von daher wird es wohl bleiben wie bisher: Ich schreibe die Sexszenen, die ich für notwendig halte. Und ich schreibe sie so, wie sich sie für notwendig halte.

Vielen Dank fürs Lesen!

Eure Lady Sonea

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