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Für mehr Toleranz unter Autoren.

Der NaNoWriMo sollte ein Monat sein, in dem man das Schreiben feiert. Oder ein Monat der Toleranz, wie es der Thriller-Autor Marcus Johanus in seinem Blog schreibt. Aber jedes Jahr wird man mit Neid und Häme konfrontiert, ganz besonders dann, wenn man zu den Vielschreibern gehört.

Und das ist unsportlich, Leute.

Der NaNoWriMo ist ein Monat des Wettkampfes. Aber nicht des Wettkampfes gegen andere Autoren, sondern gegen sich selbst und den inneren Schweinehund. Die ursprüngliche Idee des NaNoWriMos ist es, eine Geschichte von 50k Wörtern in einem Monat zu schreiben. Viele Geschichten sind jedoch länger als das, Autoren schreiben unterschiedlich schnell und daher entstehen Geschichten unterschiedlichster Längen in völlig verschiedenen Zeitspannen.

Daher würde ich den Geist des NaNoWriMos eher so beschreiben:

Der NaNoWriMo ist ein Monat, in dem man sich intensiv mit seiner Geschichte auseinandersetzt, seiner Kreativität freien Lauf lässt und die Geschichte soweit vorwärtstreibt, wie es einem nur möglich ist.

Letztendlich hängt es auch von jedem Autor selbst ab, wie viel Zeit er bereit ist, in diesem Monat in sein Projekt zu stecken. Manche wollen nicht auf ihr Sozialleben verzichten, andere leben einen Monat lang nur für ihre Geschichte. Und nicht zuletzt spielt auch immer die persönliche Situation eine Rolle.

Und trotzdem wird man als Vielschreiber schnell blöd von der Seite angemacht, wenn man stolz seinen Wordcount auf Twitter postet, um ihn mit anderen Autoren zu feiern. Und weil man, verständlicherweise, stolz ist, dass es so super läuft. Da kommen dann Sprüche wie: „Wenn du nach einer Woche schon die 50k hast, dann kannst du ja jetzt aufhören.“ Oder man bekommt durch die Blume gesagt, dass wenn man so schnell schreibt, dabei ja nichts qualitativ Hochwertiges bei rumkommen kann.*

Im vergangenen Jahr habe ich diesen Neid nur bei anderen mitbekommen. Ich selbst fand mich dagegen zum Ende hin in einem Elefantenrennen wieder, aus dem ich mich nur schwer befreien konnte. Denn mein Konkurrenzdenken setzt ein, sobald jemand ähnlich schnell ist. Das ist, wie wenn man Fahrrad fährt und dir hängt einer vor der Nase und hält dich davon ab, die Landschaft zu genießen, du strengst dich an und überholst, nur um wenig später wieder überholt zu werden und den Typen wieder vor der Nase zu haben. Aber du willst auch nicht anhalten und ihm einen Vorsprung geben, weil du noch eine großartige Strecke vor dir hast. Deswegen habe ich letztes Jahr die Notbremse gezogen und die letzten Tage abseits der Community geschrieben. Als ich gemerkt habe, dass es dieses Jahr wieder in die Richtung läuft, habe ich sofort die Scheuklappen aufgesetzt, bevor es mich kaputtmacht. Denn ich kann und will niemandem ankreiden, dass er oder sie schneller tippt oder mehr Zeit zur Verfügung hat. Also ziehe ich mich zurück und konzentriere mich auf meine Geschichte, bevor ich darüber die Freude am Schreiben verliere.

Dafür kamen in diesem Jahr obengenannte Sprüche ziemlich geballt auf mich zu, als ich mich nach einer Woche den 50k näherte. Vielleicht waren nicht alle Kommentare böse oder hämisch gemeint, aber wenn es sich so häuft, dann trifft mich das. Als HSPler sogar doppelt und dreifach. Und da auch ich Situationen habe, in denen ich Neid verspüre, habe ich eine gute Vorstellung davon, wie ich reagieren würde, würden mich die Wordcounts anderer Autoren wie ein Exzem jucken, gegen das nur noch Blutigkratzen hilft.

Es mag paradox klingen, doch zumindest mir ergeht es so, dass in Word Wars und Schreibcamps entstandene Szenen und Kapitel weniger Überarbeitung bedürfen, als solche, die ich außerhalb jener Zeiten schreibe, wenn ich nicht voll konzentriert bin und mir jedes Wort aus den Fingern saugen muss. In Word Wars und Schreibcamps hingegen ignoriere ich den inneren Kritiker und lasse meine Ideen fließen. Durch die Kombination aus Druck und den Charakteren freie Hand lassen, fließen die Ideen regelrecht und dann steigt der Wordcount wie von selbst.

Diesen Schreibfluss versuche ich den kompletten NaNoWriMo über aufrechtzuerhalten. Und ja, dazu schreibe ich in jeder freien Minute, reduziere soziale Verpflichtungen auf ein Minimum und lebe einen Monat lang nur für das Schreiben, meinen Job und meine Katzen. Denn Urlaub würde ich mir in dieser Zeit niemals nehmen. Ich brauche den Druck, um mein Zeitmanagement zu optimieren und nach einem durchgeschriebenen Tag bin ich außerdem völlig Banane im Kopf.

Funfact Nr.1: Im Word War bin ich bei Leibe nicht so schnell wie viele andere Autoren. In 30 Minuten schreibe ich zwischen 600 und 800 Wörtern, ganz selten mal 1000.

Funfact Nr.2: Wenn die Idee noch nicht ausgereift ist, quäle ich mich auch in einem Word War und schaffe nicht viel in der vereinbarten Zeit. Solche Szenen breche ich mit einem ToDo-Kommentar ab und schreibe erst einmal an einer anderen Stelle weiter. Oft ergibt sich die Lösung auf mein Problem von selbst, wenn sich auf diese Weise das Gesamtbild der Story weiter vervollständigt. (Ja, Schreiben ist manchmal ein bisschen wie puzzeln!)

Funfact Nr.3: Die 50k sind mir herzlich egal. Ich schreibe den kompletten November, denn was habe ich von der Magie und der Motivation, wenn ich aufhöre, wenn ich ein Ziel erreicht habe, das ich mir anders als in den Camps nicht selbst vorgeben kann?

Funfact Nr.4: Meine Geschichten sind sehr viel länger als 50k. Die Schwarze-Sonnen-Trilogie hat pro Band ca. 200k, die alternative Fortsetzung von ’Black Magician’ hat pro Band sogar 800k und mehr. Die Handlung ist komplex und ich habe im Schnitt 6-7 Erzählcharaktere. Allein um nicht den Faden zu verlieren, muss ich mich ganz und gar auf die Geschichte konzentrieren, wenn ich sie vorwärts treiben will. Was dies betrifft, empfinde ich den November als eine regelrechte Offenbarung.

Ich habe mit anderen Autoren über diese Problematik gesprochen und tatsächlich ergeht es nicht nur mir so. Es scheint also eine Korrelation zwischen viel Schreiben und Qualität zu geben. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Vor zwei Jahren haben zwei Autoren im NaNo-Forum einen Endspurt-Marathon veranstaltet, bei dem sie in den letzten beiden Tagen noch 50k oder mehr geschrieben haben. Soweit ich mich erinnere, war das für sie selbst eine grenzwertige Erfahrung.

Aber im NaNoWriMo geht es genau darum. Sich Ziele zu setzen und diese zu erreichen. Sich Herausforderungen zu stellen und die eigenen Grenzen zu erweitern. Selbst wenn dabei miese Formulierungen und Plotlöcher entstehen – kein Autor schreibt einen Roman und ist dann fertig. Nach der Rohfassung kommt immer die Überarbeitung.

Es ist egal, wie viel man im NaNoWriMo schreibt. Manche Autoren kommen in dieser Zeit niemals an die 50k. Aber sie schreiben mit, weil diese ganz besondere Magie dieses Monats sie beflügelt. Letztendlich geht es doch einzig darum, dabei zu sein und sich seinem Projekt zu widmen, mehr als man sonst tun würde. Seltsamerweise habe ich noch nie erlebt, wie jemand über die langsamen Autoren lacht. Es sind anscheinend immer die Vielschreiber, die alles abkriegen. Dabei sollte es völlig egal sein, wie viel oder wenig jemand schreibt. Der NaNoWriMo bietet die Chance einer riesigen Community, in der man sich gegenseitig motiviert und unterstützt. Langsamen Autoren über die Ziellinie zu helfen, gehört ebenso dazu, wie Plotideen zu diskutieren oder Tipps gegen Schreibblockaden zu geben. Tatsächlich können die langsamen Autoren sogar von den Vielschreibern Dinge wie z.B. Zeitmanagement lernen, was in jedem Fall hilft, ein paar Wörter mehr herauszuholen.

Nichtsdestotrotz ist es verführerisch, mit ähnlich schnellen Autoren um die Wette zu schreiben. Es ist zweifelsohne hilfreich und motivierend, weil man sich gegenseitig weiterzieht, wenn es mal nicht so gut läuft. Doch darüber kann falscher Ehrgeiz entstehen, der dann schnell in Neid und Frust umschlägt. Das hatte ich im vergangenen Jahr und das bedarf keiner Wiederholung, weil es mir die letzten Novembertage ein wenig zerstört und mir die Freude am Schreiben genommen hat. Aber Neid kann auch entstehen, wenn jemand sehr viel schneller schreibt, als man selbst.

Doch kommt es nicht am Ende darauf an, dass wir alle Spaß am Schreiben unserer Geschichten und der Magie des Novembers haben, um diese vorwärtszutreiben? Warum neidisch sein und dumme Sprüche reißen, anstatt sich selbst auf seine vier Buchstaben zu setzen oder einfach nur Spaß an seinem Projekt zu haben? Und ist es nicht zuletzt auch der Neid auf andere, der uns in unserer eigenen Kreativität blockiert?

Denkt mal drüber nach!

Eure Lady Sonea  ❤

* Letzteren würde ich übrigens gerne einmal Unter tausend schwarzen Sonnen unter die Nase reiben, die Geschichte über Akkarins Zeit als Sklave, von deren knapp 200k stolze 140k im CampNaNoWriMo Juli 2014 entstanden sind. Von all meinen in Schreibcamps entstandenen Werken ist dieses das erste, das bereits komplett online zu lesen ist.

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