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Die heutige Frage bei der Autorenwahnsinn-Challenge, der ich mich diesen Monat verschrieben habe, lautete: Was hat dich zu deinem aktuellen Projekt inspiriert?

Tatsächlich konnte ich die Frage, woher ich meine Inspiration beziehe, noch nie beantworten. Weil es das in dieser Form für mich nicht gibt. Dennoch hat diese Frage mich dazu gebracht, den ganzen Tag im Hintergrund darüber nachzudenken.

Zugegebenermaßen bewundere ich andere Autoren ein wenig für ihre Quellen der Inspiration. Sie schauen sich Bilder auf Pinterest an, Postkarten oder hören ein Lied und bekommen darüber die Idee für ihren nächsten Roman. Ich kann so etwas nicht. Wenn ich das könnte, dann würde ich vermutlich keine Fanfiction mehr schreiben, sondern wäre längst bei eigenen Romanen.

Aber so funktioniert das bei mir nicht.

Ideen kommen bei mir nicht durch das Betrachten hübscher Bilder, durch Reisen oder durch Musik. Natürlich hilft es, die eigene Wohlfühlzone zu verlassen, auch ich habe beim Reisen oft kreative Ideen. Aber nicht, weil ich etwas sehe, begeistert bin und das in mein Projekt einbauen will, sondern weil das Verlassen der Wohlfühlzone meinen Kopf von dem ganzen lästigen Alltagsmüll leert. Beim Spazierengehen oder Joggen habe ich aus demselben Grund hin und wieder regelrechte Ideenflashs. Aber nicht, weil es dort etwas Interessantes zu sehen gäbe (ja es ist schön, wie das Sonnenlicht durch einen Herbstwald fällt oder wie die Sterne frühmorgens im Winter über mir funkeln) – es passiert, weil ich meine Gedanken treiben lasse, wobei ich meine Umgebung nur bedingt wahrnehme.

(Das heißt übrigens nicht, dass ich blind durch die Welt gehe oder schöne Dinge nicht in all ihrer Gesamtheit wahrnehme und mich darin verlieren kann. Ich bin hochsensibel, da bleibt das nicht aus. Es heißt lediglich, dass ich einen Sonnenuntergang nicht regelrecht inhaliere und darüber Ideen bekomme, was ich als nächstes schreiben könnte.)

Mein aktuelles Projekt ’Die Königsmörderin’ und eigentlich meine gesamte zweite Trilogie ist inhaltlich er eine logische Folge der ersten, die wiederum eine logische Folge der Handlung in „Die Gilde der schwarzen Magier“ ist. Aus einer Idee entstehen zwei weitere und aus diesen wieder weitere wie in einer Kettenreaktion. So kam ich von Akkarins Tod zu einem alternativen Ende, aus dem sich erst einzelne Szenen, dann ein ganzer Band alternative Fortsetzung und schließlich eine Fanfiction-Trilogie ergaben. Und diese wiederum führte zu der zweiten, an der ich gerade schreibe.

Das würde ich nicht als Inspiration bezeichnen. Für mich ist es die Weiterführung von Handlungssträngen und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Weitere Ideen entwickeln sich rein durch das Schreiben. Ich bin Discovery Writer. Wenn ich schreibe, dann sehe ich plötzlich neue Zusammenhänge innerhalb meiner Story, oder baue etwas ein, das irgendwann später einen Sinn ergibt. Zu Beginn sind diese nicht kausal miteinander verbunden. Ähnlich, wie wenn irgendwo ein Schmetterling mit den Flügeln schlägt und anderswo dadurch ein Tornado entsteht. Dies ist derselbe Prozess, der auch beim Spazierengehen in Gang gesetzt wird. Aber dieser geschieht nicht dadurch, dass ich etwas wahrnehme und regelrecht inhaliere, damit mein Kopf etwas daraus macht. Es geschieht dadurch, dass ich meine Umgebung nur noch vage wahrnehme. Und dann, in diesem Zustand, beginnt mein Hirn Dinge miteinander zu verknüpfen, die ich zuvor nicht gesehen habe.

Ich empfinde das als anstrengend, weil dadurch mehr Ideen entstehen, als ich spontan aufschreiben könnte. Es überfordert mich zuweilen. Denn ich niemand, der Geschichten von vorne bis hinten durchplant, auch wenn im ersten Moment dieser Eindruck entstehen mag. Oft kommt es sogar ungebeten und in den unpassendsten Situationen. Und was diese Ideen in meinem Kopf anrichten, entspricht eher heillosem Chaos. Aber ich komme damit klar. Und das ist die Hauptsache.

Musik ist auch so ein Thema. Als ich auf die Idee kam, eine Geschichte über Akkarins Vergangenheit als Sklave zu schreiben, habe ich sehr viel Kamelot gehört (insbesondere die beiden Alben Epica und The Black Halo). Aber das war kein „Ich finde das Lied so toll, also schreibe ich jetzt eine Songfic dazu, weil ich dazu Ideen habe“, sondern die Erkenntnis, dass zwischen der über beide Alben erzählte Geschichte und der Akkarins Parallelen existieren (wenn auch in einem eher entfernteren Sinne). Dadurch wurde konkreter, womit ich mich bereits zuvor schon beschäftigt hatte.

Generell dient Musik bei mir hauptsächlich dazu, mich in einen Zustand von Glückseligkeit zu versetzen, in dem ich wie in einem Rausch schreiben kann. Sie verstärkt nur meine momentane Stimmung und hilft mir, meine Umgebung auszublenden. Sie hilft mir, mich zu zentrieren, damit ich mich auf das Wesentliche, meine Geschichte, zentrieren kann.

Auch beim Worldbuilding verhält es sich ähnlich. Von den Orten in meinen Geschichten habe ich eine gewisse Vorstellung im Kopf. Manchmal stelle ich plötzlich fest, dass diese einem Ort in der realen Welt entspricht und dadurch konkreter wird – wie z.B. als ich vor ein paar Jahren in der Atacama-Wüste in Chile feststellte, dass so ’meine’ sachakanischen Ödländer aussehen. Mit Fancasts verhält es sich genauso. Ich sehe einen Film und habe plötzlich ein Bild zu einem Charakter, der mich schon seit Jahren begleitet. Aber ich habe noch nie einen Schauspieler gesehen und sein Aussehen und seine Rolle in meine Geschichten integriert.

Charaktere entstehen bei mir aus einer Notwendigkeit. So auch ein Nebencharakter letzten November im NaNoWriMo, der eher ein Statist war. Um seine Rolle einzunehmen, musste er so verkorkst sein, dass ich für ihn nur den Tod als Ausweg sah. Eines Morgens beim Joggen, als ich mal wieder geistig weggetreten war, sah ich plötzlich, welches Potential er für die Handlung hatte, wenn er überlebt – und ich sah einen Weg, wie ich ihn überleben lassen konnte. Aber es geschah nicht, weil über mir der Vollmond so schön schien, die Sterne funkelten und der Raureif auf dem Gras so schön glitzerte. Das sorgte nur dafür, dass ich endlich mal wieder richtig Lust zu laufen hatte, und damit kam der Rest von selbst.

Andere verrückte Ideen kommen spontan beim Schreiben, wie die Geschichte mit der Haarnadel, mit der mein Lieblingscharakter plötzlich unsägliche Dinge tat, bloß weil er sie meiner Prota gerade aus dem Haar gezogen hatte. Das geschah mitten in einem Wordwar. Als ich im Fluss war. Im Nachhinein könnte ich nicht einmal sagen, ob die Idee von meinem Lieblingscharakter kam, oder ob sie meiner schmutzigen Phantasie entsprang. Die Stelle war geschrieben, bevor ich überhaupt wusste, was ich da tat.

Mit mir und der Inspiration ist es also eher der umgekehrte Prozess: Es ist kein „Ich sehe etwas und habe dazu plötzlich eine Plotidee“, meine Ideen kommen dadurch, dass ich in einen Zustand gerate, in dem alles andere unwichtig wird und sich mein Kopf einzig mit der Geschichte beschäftigt, wodurch sich aus einer Idee die nächste ergibt und aus diesen wiederum weitere wie eine Kettenreaktion. Und manchmal sehe ich etwas in der realen Welt, das meiner Vorstellung von etwas aus meinen Geschichten Gestalt gibt.

Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht eine arme und bedauernswerte Kreatur. Ja, manchmal würde ich gerne einfach nur ein Bild anstarren und darüber eine Idee bekommen. Dann würde ich mich weniger schwer damit tun, auch mal etwas zu schreiben, was nicht in meinem Fanfiction-Universum spielt, so wie bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen ich bei einer Anthologie mitmache.

Vielleicht funktioniere ich auch einfach nur anders als andere Menschen. Aber solange ich damit zurechtkomme und das schreiben kann, wofür ich brenne, soll mir das recht sein. Ich bin nicht traurig darüber. Es führt nur dazu, dass ich Fragen nach Inspiration nicht beantworten kann und ausholen muss, um es den Leuten zu erklären, weil es für viele selbstverständlich zu sein scheint, Inspirationsquellen zu haben.

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