Schlagwörter

, , , , , , ,

Diesen Monat nehme ich an der Wir sind Traumfänger-Challenge von der wundervollen Annika Bühnemann teil. In dieser Challenge geht es um die Liebe zu Büchern und Geschichten oder dem geschriebenen Wort an sich. Denn mit Büchern fängt man Träume ein. Es ist egal, ob man als Autor oder Leser daran teilnimmt. Den ganzen März über gibt es jeden Tag eine Aufgabe, die es auf möglichst kreative Weise zu erfüllen gilt.

Obwohl ich ’nur’ Fanfiction schreibe, habe ich mich entschlossen, mitzumachen. Denn auch ich fange mit meinen Geschichten sowohl meine Träume ein als auch, so scheint es zumindest, die Träume meiner Leser. Und als Leser kenne ich wiederum Bücher, die mich zum Träumen verleiten.

In der heutigen Aufgabe geht es darum, anderen Autoren Mut zu machen. Ich weiß nicht, ob die Geschichte, die ich für euch habe, am Thema vorbei ist, oder ob sie eher zu Tag 6 passt (und außerdem habe ich es nicht so mit hübschen Bildern mit Sprüchen drauf), aber so wie mir damals Mut gemacht wurde, kann ich vielleicht anderen Mut machen, die vor einem ähnlichen Problem stehen.

Also höret nun eine aufregende und spannende Geschichte:

„Aber dadurch wird er doch erst zu dem Charakter, den du liebst“

Vor ziemlich genau drei Jahren, im Frühjahr 2014, nahm ich zum ersten Mal an einem Schreibwettbewerb teil. Das Thema lautete „Für dich gehe ich bis ans Ende der Welt“ und man durfte sowohl mit Fanfiction als auch mit einer freien Arbeit daran teilnehmen. Ziemlich schnell hatte ich mich für eine Geschichte darüber entschieden, wie Takan Akkarin aus Sachaka folgt und zu seinem Diener wird. Dieses Thema hatte mich in den Büchern schon immer fasziniert, weil seine Motivation nicht einzig daraus zu resultieren scheint, dass er kein anderes Leben als die Sklaverei kennt.

Also schrieb ich diese Kurzgeschichte und dann kamen weitere Dinge hinzu, die dazu führten, dass mich das Thema fortan nicht mehr loslassen sollte.

Zur gleichen Zeit hatte ich Kamelot entdeckt und hörte die Alben Epica und The Black Halo rauf und runter. Ihre Interpretation der Faust-Tragödie erinnerte mich an vielen Stellen an Akkarins Geschichte und schon bald hatte ich Bilder und Szenen über jene Zeit im Kopf, in der er selbst ein Sklave in Sachaka ist. Damals unterhielt ich mich viel mit einem Arbeitskollegen, dem Metal-Kollegen, über die Bücher. Mir war es durch meine permanenten Schwärmereien über die Bücher gelungen, ihn darauf anzufixen und irgendwie kamen wir darüber auch auf meine Geschichten zu sprechen.

Mein Kopf war also voll mit Ideen, eine Fanfiction über Akkarins Zeit als Sklave zu schreiben. Er war so voll, dass er beinahe platzte. Aber ich konnte nicht schreiben. Ich steckte mitten in den Arbeiten zu ’Yukai’. Doch vor allem hatte ich Angst. Denn ich wusste, was ich schreiben musste: Physische und Psychische Gewalt. Demütigungen. Elend. Verzweiflung. Absolute Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. Den Mann, der später in den Büchern so absolut anbetungswürdig und ehrfurchtgebietend ist, zu etwas machen, dessen bloße Vorstellung mir das Herz zerriss.

Und dann sagte mein Metal-Kollege diesen einen Satz:

Aber dadurch wird er doch erst zu dem Charakter, den du liebst.

Und er hatte so verdammt recht.

Nachdem ich das noch ein paar Tage mit mir ausdiskutiert hatte, begann ich einige erste Szenen aufzuschreiben. Ich fing mit den angenehmeren an, ich wollte mich langsam vortasten. Viel war es nicht, das meiste schrieb ich während des Umzugs in eine größere Wohnung, immer mal in Pausen oder abends, zwischen Umzugskartons und den Laptop auf dem Schoß.

Danach musste ich das Projekt zugunsten von ’Yukai’ auf Eis legen, aber ich hatte bereits für mich beschlossen, es im CampNaNoWriMo, der im Juli folgte, durchzuziehen. Die Pause tat der Geschichte auch ganz gut, denn irgendwie musste ich fünf Jahre in Akkarins Leben füllen, die im Buch in einigen wenigen Seiten abgehandelt werden.

Und dann kam der Juli und ich schrieb mir die Seele aus dem Leib. Vor den harten und brutalen Stellen hatte ich immer noch Angst, und als ich sie schrieb, war ich überrascht und entsetzt vor der Grausamkeit von Akkarins Peiniger, die nichts als meine eigene Grausamkeit war. Und mir schauderte vor den Abgründen, die sich sowohl in Akkarin als auch in mir auftaten. Ich erinnere mich an ein Wochenende, das so intensiv war, dass ich montags im Büro noch einige Stunden brauchte, um wieder zurück ins Leben zu finden.

Ich hatte zuvor, in Die zwei Könige* schon Missbrauch und emotionale Abhängigkeit thematisiert, aber was ich Akkarin antat, obwohl ich ihn liebte, übertraf dies bei weitem. Besonders am Anfang hielt ich mir den Satz meines Metal-Kollegen wieder und wieder vor Augen „Aber dadurch wird er doch erst zu dem Charakter, den du liebst“ und unter diesem Aspekt gelang es mir irgendwie, die Geschichte so zu schreiben, als wäre es jemand anderes. Und im Grunde war er das auch.

Mit jedem Tag wurde es besser, an ein gewisses Grundniveau von Grausamkeit, was allein dadurch gegeben ist, dass sich Akkarin in dieser Situation befindet, wurde es besser. Ohne all die humorvollen Szenen zwischen ihm und Takan, die in dieser Geschichte offiziell zu ’Leidensgenossen’ werden, wäre ich vermutlich wahnsinnig geworden.

Nach diesem Camp war ich fertig. Ich konnte drei Monate nicht mehr schreiben. Zugegeben, es war auch mein erstes Camp und ich hatte noch nie 150k in einem Monat geschrieben und so wenig geschlafen, wie zuletzt in den letzten Wochen meiner Diplomarbeit. Aber es fühlte sich zugleich an, als hätte ich dieser Geschichte alles gegeben, was ich nur geben konnte, weil sie mir so unglaublich wichtig war. Weil Akkarin mir so wichtig ist und weil es ein gutes Gefühl ist, ihn dorthin zu bringen, wo er hingehört.

Hätte ich nicht auf meinen Metal-Kollegen gehört, hätte ich nicht den Mut gefasst, ihn zu dem Charakter zu machen, den ich so sehr liebe, hätte ich einen großen Fehler begangen. In diesem einen Monat bin ich wieder und wieder und in jeder Hinsicht an meine Grenzen gestoßen und habe mich darüber hinaus getrieben. Ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wann es zu viel ist und man besser ausblenden oder vage bleiben sollte. Ich habe Dinge geschrieben, die ich niemals schreiben wollte, und dabei festgestellt, dass ich es kann. Dass es nicht schlimm ist, so etwas zu schreiben. Dass es manchmal notwendig ist. Ich habe mich so intensiv mit der Entwicklung eines Charakters beschäftigt, wie nie zuvor. Und dabei wurden mir über den Buch-Akkarin so viele Dinge klar, die mir zuvor nur intuitiv bewusst waren und die ich in meiner alternativen Fortsetzung in der Überzeugung „das muss so“ verarbeitet habe. Diese Geschichte hat mir sogar die Antworten auf Fragen geliefert, über die ich seit Jahren gegrübelt habe, und damit mein Bild von ihm ein gutes Stück vervollständigt.

Diese Geschichte, die mittlerweile unter dem Titel Unter tausend schwarzen Sonnen auf Fanfiktion.de zu lesen ist, zu schreiben, war nicht nur eine Reise, um meinen Lieblingscharakter zu entdecken, sie war auch eine Reise zu mir selbst. Und daher kann ich allen Autoren, die sich nicht trauen, über ein schwieriges Thema zu schreiben, nur sagen:

„Traut euch. Vielleicht ist es am Anfang seltsam und ihr kommt euch dabei dumm vor. Vielleicht werdet ihr vor euch selbst erschrecken. Aber wenn es das ist, was ihr schreiben wollt, weil es euer Herzensthema ist, weil ihr es liebt, dann bringt euch nicht um diese großartige Erfahrung, sondern schreibt.“

* die Geschichte war damals noch nicht online, aber schon fertig überarbeitet

Advertisements