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Von Wahlen und warum aktuelle Themen in Geschichten so wichtig sind

Am vergangenen Sonntag waren Bundestagswahlen. Und bei dieser Wahl hat die Demokratie verloren. Wie die CDU, die trotz herber Verluste den Regierungsauftrag erhalten hat. Oder die FDP, die mit mehr als 10% Stimmen ihren Wiedereinzug in den Bundestag feiern konnte. Von der SPD einmal ganz zu schweigen. Und auch die 87% der Wähler, die nicht AfD gewählt haben, haben nicht gewonnen. Und ganz sicher nicht die 13%, die AfD gewählt haben. Tatsächlich sind Letztere sogar am meisten zu bedauern.

Die AfD – und das ist auf eine pessimistische Weise nüchterne Realität – ist der einzige Sieger bei dieser Wahl. Denn sie haben bekommen, was sie wollten: das Fortschreiten der Spaltung des Landes und Sitze im Bundestag.

Wer in Geschichte aufgepasst hat, wird sich gewiss an eine ähnliche Situation vor mehr als 80 Jahren erinnern, die ähnlich anfing und alles andere als gut ausging. Auch damals hatten die etablierten Parteien rekordverdächtig schlechte Ergebnisse eingefahren und der Rechtspopulismus war seit Jahren auf dem Vormarsch. Dass wir um diese Situation wissen, dass so viel mehr Menschen als damals Zugang zu Bildung und Aufklärung haben, dass wir dieses finstere Kapitel in unserer Geschichte aufarbeiten hätte ein solches Erstarken der AfD verhindern sollen. Aber das hat es nicht.

Wir können und jetzt lange und ausführlich darüber aufregen. Wir können weinen und den drohenden Untergang der Demokratie beklagen. Wir können uns darüber aufregen, wie 13% der Wähler (ca. 4 Millionen Deutsche) so dumm sein können, eine faschistische, autoritäre und rechtsradikale Partei in Kauf zu nehmen, um „es der Regierung mal so richtig zu zeigen“, wo es doch so viele andere kleine Parteien gibt, die man wählen kann, wenn man mit den großen unzufrieden ist. Wir können gegen Alexander Gauland wegen seiner im Stil von Joseph Goebbels gehaltenen Wahlrede wettern (Stichwort „Wir werden sie jagen“). Wir können gegen die AfD und ihre Wähler hetzen. Wir können Schwarzmalerei betreiben, was in vier Jahren sein könnte (oder auch schon früher, wenn die Spaltung des Landes vielleicht bald so sehr in die Politik übergreift, dass welche Koalition auch immer entsteht, diese es nicht bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode machen wird).

Aber es wird nichts helfen. Manchmal erreicht man einen Punkt, an dem man mit gesundem Menschenverstand nicht mehr weiterkommt.

Wir müssen aufpassen, dass wir dieses Land nicht noch weiter spalten, indem wir unsererseits Hass und Hetze gegen Rechts verbreiten. Indem wir gegen die AfD wettern (was hin und wieder durchaus legitim ist), geben wir ihnen genau die Aufmerksamkeit, die sie wollen und brauchen. Es ist ein bisschen wie mit den Trollen im Internet, nur dass diese harmlos sind.

Stattdessen sollten wir für genau das einstehen, was die AfD abschaffen will: Freiheitlichkeit, Gleichberechtigung, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, Weltoffenheit. Wir haben eine Verantwortung uns und unserem Land gegenüber. Jeder kann dazu beitragen.

Als Autorin liegt mir dieses Thema ganz besonders am Herzen. Indem man Geschichten schreibt und sie der Welt zugänglich macht, verbreitet man seine eigene Ideologie und steckt andere damit an. Unsere Geschichten sind unsere selbstgemachte Propaganda. Mit ihnen können wir gebrochene Herzen heilen, neue Perspektiven aufzeigen und Hoffnung spenden. Mit ihnen können wir anderen Menschen helfen, ihren Horizont zu erweitern und sie dazu bringen, Thematiken zu hinterfragen und über die eigenen Werte und Moralvorstellungen zu reflektieren.

Als Autorin sehe ich mich daher in der Verantwortung, Werte zu vermitteln, die für unser Miteinander essentiell sind. Ich bin zwar ’’nur’’ Fanfiction-Autorin mit nur wenigen Lesern, von denen vermutlich nur ein Bruchteil diesen Blog liest*. Doch auch meine Ideen von Freiheitlichkeit, Gleichberechtigung, Toleranz, Nächstenliebe etc. fließen seit Jahren in meine Geschichten ein, auch wenn diese jetzt nicht super politisch sind. Aber allein, dass die Charaktere in meinen Geschichten diese Werte leben und in entsprechenden Strukturen denken und etwas zu bewegen suchen, hat das Potential etwas zu bewirken. Es ist eine Chance.

Canavans Bücher mögen viele Schwächen haben, aber in Bezug auf aktuelle Themen, bietet die Black Magician Trilogy eine gute Grundlage, um sich mit diesen auseinanderzusetzen – etwas, das ich an diesen Büchern sehr schätze. Zahlreiche andere Bücher tun dies natürlich auch, aber Black Magician ist nun einmal mein Fandom und das, wo ich mich am besten auskenne. So thematisieren sie unter anderem Homosexualität in einer konservativen Gesellschaft und die Kluft zwischen Arm und Reich und damit verbundene Ausgrenzung, soziale Ungerechtigkeit und Vorurteile etc. pp. Sonea, der weibliche Hauptcharakter, und Rothen, ein weiterer Hauptcharakter, sind beides sehr mitfühlende Menschen. Sonea kommt aus den Slums und wünscht sich ein besseres Leben für die Menschen dort und schließt sich der Gilde an, um ihnen zu helfen. Damit dies überhaupt geschehen kann, nimmt Rothen sich ihrer an und gibt ihr eine Perspektive. Er hilft ihr, ihre Vorurteile gegenüber der Gilde abzulegen, so wie die Magier auch nach und nach ihre Vorurteile gegenüber Sonea ablegen (zumindest in Teilen). Im späteren Verlauf der Trilogie verteidigt Sonea, was ihr lieb und teuer ist, während die übrigen Magier in ihren konservativen Denk- und Handlungsmustern gefangen bleiben und damit ihren eigenen Untergang heraufbeschwören. Hier zeigen die Bücher sehr deutlich, was passiert, wenn man sich von den eigenen Ängsten leiten lässt und erst dann wieder zu Verstand kommt, wenn es zu spät ist. Dannyl, ein weiterer Hauptcharakter, kämpft derweil mit seiner sexuellen Identität, die er jahrelang unterdrückt hat, um in seinem konservativem Umfeld zu überleben.

In meinen Geschichten (sowohl der alternativen Fortsetzung als auch Akkarins Trilogie) spinne ich diese Themen fort. Sonea tut, was seit Generationen keine Magierin mehr getan hat: Sie wählt die Kriegskunst als Disziplin – bislang eine Männerdomäne. Sie tut es aus der Überzeugung heraus, dass dies der beste Weg ist, um die ihr gegebene Macht zum Schutz ihres Landes einzusetzen. Sogar in Gefangenschaft und ihrem größten Feind ausgeliefert, tut sie alles, um die Gilde zu schützen. Emanzipation ist gerade bei ihr ein wiederkehrendes Thema. Akkarin stellt sich als Feminist und unkonventioneller Denker heraus, der auf subtile Weise gegen das System rebelliert. Der König beginnt endlich, die Slums zu einem lebenswerteren Ort zu machen und den dort lebenden Menschen eine Perspektive zu geben. Und selbst die Gilde fängt an, sich gegenüber der Unterschicht zu öffnen und fördert die Integration der Novizen, die sie nun auch von dort rekrutiert. Nicht wenige meiner OCs sind homo- oder bisexuell – nicht, um eine Quote zu bringen, sondern weil ich beim Schreiben plötzlich wusste, dass sie es sind. Weil es normal ist, und genau so behandele ich sie. Die Frauen – selbst jene, die in einem patriarchalischen Land wie Sachaka leben – wissen in den meisten Fällen ziemlich genau, was sie wollen, und bekommen ihren Willen auf die eine oder andere Weise. Im aktuellen Teil „Das Heiligtum von Yukai“ geht es zudem um das Beenden eines Krieges und Völkerverständigung – und darum, wohin Hass führen kann. Im zehn Jahre später spielenden Teil „Die Königsmörderin“, der in ca. einem Jahr online gehen wird, geht es unter anderem um Flüchtlingsproblematiken. In dem Teil, an dem ich seit ein paar Wochen arbeite, wird sich wiederholende Geschichte und der Umgang damit eines der Leitthemen sein.

Und natürlich geht es darum, Verallgemeinerungen zu vermeiden, die trotz aller Praktikabilität gefährlich sind: Nicht alle Bewohner der Slums sind Verbrecher. Nicht alle Adeligen sind arrogant und herablassend. Nicht alle Ashaki sind böse und behandeln ihre Sklaven schlecht. Nicht alle Magierinnen der Verräter sind militant. Die Duna sind kein Volk von Barbaren, nur weil sie Nomaden sind und andere Sitten haben etc. pp.

All diese Themen haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Es sind aktuelle Themen, die auch in dieser Welt wieder und wieder diskutiert werden. Und weil sie so aktuell sind und so heiß diskutiert werden und die Probleme unserer Gesellschaft widerspiegeln, ist es nahezu unvermeidlich, dass sie nicht in Geschichten einfließen. Oft geschieht unbewusst, als Folge einer vorangegangenen Situation oder eines Konflikts innerhalb der Story. Mir macht es Spaß, mich damit auf schriftstellerischer Ebene auseinanderzusetzen, ganz besonders wenn ich den Bezug zur Realität herstelle, denn es gibt mir eine Möglichkeit, meine eigene Meinung auf abstrakter Ebene zu diskutieren und einzubringen. Eine Meinung, die von anderen gelesen wird und die im Idealfall eine Auseinandersetzung bei diesen Menschen bewirkt. Eine Meinung, die ich mir von nichts und niemandem verbieten lasse. Eine Meinung, die unter einer AfD-Regierung verboten würde – dazu braucht man nur einmal einen Blick in das Wahlprogramm der Partei zu werfen.

Ich kann in meinen Geschichten weder alle wichtigen Themen behandeln, noch kann ich Lösungen bieten (bei Dannyl ist das z.B. nahezu unmöglich gesellschaftlich als „Knabe“ akzeptiert zu werden, weil ich eine konservative Gesellschaft nicht mal eben innerhalb weniger Jahre tolerant und offen machen kann). Oft kann ich nur die Problematiken herausarbeiten und darstellen, wie die Charaktere damit kämpfen. Ich habe weder Politik noch Sozialwissenschaften oder Psychologie studiert. Ich verfüge nur über die Denkstrukturen eines Physikers und meinen gesunden Menschenverstand und meinen links-grün-versifften Idealismus. Doch ich hoffe, dass meine Geschichten dazu anregen, sich mit all diesen Themen auseinanderzusetzen, zu reflektieren und den eigenen Horizont zu erweitern. Es mag nicht viel sein, aber es ist ein kleiner Beitrag gegen Intoleranz und rechtes Gedankengut. Und vielleicht genügt das, um einige wenige Menschen zu erreichen. In Zeiten wie diesen ist es wichtiger denn je. Dabei sollte es eine Selbstverständlichkeit sein.

Für mich war es immer normal, diese Themen in meine Geschichten einzubringen. Weil sie zum Leben dazu gehören, weil sie normal sind. Aber vielleicht befinden wir uns momentan in einer Zeit, in der es umso wichtiger ist, uns das ins Gedächtnis zu rufen und ein Stück weit zu leben, was die Helden unserer Lieblingsgeschichten uns vorleben.

Mir brennt dieses Thema schon sehr lange auf der Seele, doch ich habe immer die Füße stillgehalten, weil ich meinen Blog nicht für politische Diskussionen missbrauchen will. Aber nach diesen Wahlen sehe mich in der Pflicht, als Autorin Stellung zu beziehen. Die AfD ist eine Partei, die wenn sie an die Macht käme, Einfluss auf die Meinungsfreiheit ausüben wird, und damit auch auf das Geschriebene Wort. Ich hoffe sehr, dass von nun an genug in diesem Land passieren wird, dass solche Artikel nicht zur Regelmäßigkeit werden müssen. Doch damit dies geschieht, dürfen wir uns auf den 87% nicht ausruhen.

Deutschland ist unser Land. Nicht das von Herrn Gauland und auch nicht von seiner Partei. Es ist das Land in dem Menschen anderen Menschen helfen, wenn sie vor unserer Tür stehen und Hilfe brauchen. Es ist das Land, in dem Menschen Herrn Boateng gerne als Nachbarn hätten. Es ist das Land, das mit der Ehe für Alle einen weiteren Schritt ins 21. Jahrundert getan hat. Es ist eines der wohlhabendsten und fortschrittlichsten Länder der Erde. Wir können uns glücklich schätzen, hier zu leben. Es liegt an uns, ob wir wahren, was wir und unsere Eltern und Großeltern sich in den vergangenen 60 Jahren erkämpft haben, oder ob unser Land zu einem Vierten Reich wird. Es liegt an uns, an unserem Verhalten und unseren Entscheidungen. Wir haben die Verantwortung.

[* Der aktuelle Teil meiner alternativen Fortsetzung hat 156 Favoriteneinträge auf Fanfiktion.de. Wie viele davon tatsächlich lesen, weiß ich nicht, noch kenne ich die Zahl jener, die lesen und keinen Account haben.]

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