Leseprobe II – Der Spion

Auszug aus Kapitel 28 – Der Geheimauftrag

Obwohl der Herbst bereits weit fortgeschritten war, waren die Tage noch immer angenehm warm. Die Winter in Elyne waren so mild, dass es Dannyl schien, als würde der Herbst direkt in den Frühling übergehen. Lächelnd blickte er von dem Balkon seines Apartments hinunter in den terrassenförmig angelegten Garten der Botschaft der Gilde zu Capia, wo die Gan-Gan Büsche noch immer in voller Blüte standen.

In Kyralia wären sie längst verblüht, fuhr es ihm durch den Kopf, dankbar, in diesem Land eine neue Heimat gefunden zu haben. Sein Blick wanderte den sorgfältig gepflegten Rasen entlang und über die Gartenmauer zu der Stadt, die sich unterhalb der Botschaft ausbreitete. Zu jeder Jahreszeit verströmte Capia eine andere, besondere Ästhetik. Um diese Zeit war das Licht gedämpft, nahezu golden. Der blassgelbe Stein der Hauswände schimmerte im sanft gewordenen Sonnenschein und die Abende waren lang und dunsterfüllt.

Jetzt war jedoch später Nachmittag. Vom Meer zog ein feiner Nebel die Hänge herauf und das Licht der schrägstehenden Sonne färbte die an den Kuppen der Hügel hängenden Wolken ockerfarben. Der Anblick bewegte etwas in Dannyl, was es ihm schwermachte, sich wieder seiner Arbeit zuzuwenden. Seufzend griff er nach seinem Weinglas und richtete seine Aufmerksamkeit dann wieder auf die Aussagen zweier benachbarter Dems, zwischen denen ein Streit um ihre Grenze entbrannt war. Streitigkeiten zwischen Nichtmagiern gehörten eigentlich nicht zu den Aufgaben eines Botschafters, doch das Gericht, vor dem dieser Streit ausgetragen wurde, hatte Dannyl auf Grund seines Verhandlungsgeschicks zu Rate gezogen. Er bemühte sich, diese Arbeit rasch hinter sich zu bringen, da er später noch mit Tayend in der Großen Bibliothek verabredet war.

Obwohl das Geheimnis um Lord Sadakane noch immer nicht gelüftet war, hatten sie inzwischen eine Theorie, wie die Bücher in den Besitz von Bel Fiores Familie gelangt waren. Die Rekonstruktion des Stammbaums der Bel hatte ergeben, dass einer ihrer Vorfahren ein Gildenmagier gewesen war. Das Interessante daran war, dass dieser Magier zu jener Zeit gelebt hatte, als die Gilde schwarze Magie verboten hatte. Dannyl und Tayend waren zu dem Schluss gekommen, dass er Lord Sadakanes Bücher in weiser Voraussicht in Sicherheit gebracht hatte, bevor sie der Vernichtung durch die Gilde zum Opfer fallen konnten und sie seinen Nachfahren vermacht hatte, welche die Bücher nur in den seltensten Fällen an ihre direkten Nachkommen weitervererbt hatten, sondern an denjenigen aus der Familie, dem sie am meisten vertrauten.

Während die Bel sich mit unverwüstlichem Eifer mit ihrer Familiengeschichte beschäftigt hatte, hatte der Gelehrte den Großteil seiner Zeit damit verbracht, die Abschriften der Bücher anzufertigen. Inzwischen hatte er fast die Hälfte der Bücher kopiert. Sobald er damit fertig war, würde Dannyl Originale und Kopien nach Imardin bringen.

Ein Teil von Dannyl bedauerte es, seinen Gefährten und die Bel nur noch in seiner Freizeit unterstützen zu können. Doch Botschafter Errend brauchte ihn im Parlament. Während Dannyl die Sitzungen der einflussreichsten Politiker Elynes im Jahr zuvor Freude bereitet hatten, ertappte er sich dieses Mal allenthalben dabei, wie er über sein Vorhaben nachdachte. Bei seiner Rückkehr von Dem Callenes Landgut hatte er sich gefragt, ob er sich da nicht eine aus einem weltverbesserlichen Idealismus resultierende Dummheit in den Kopf gesetzt hatte. Doch je mehr er alles durchdachte, desto sicherer war er. Es war seine Pflicht gegenüber der Gilde, die Bücher des Dem demjenigen auszuhändigen, der ihren Inhalt verantwortungsvoll behandeln würde.

Sein Diener Eland erschien in der Tür. „Botschafter Dannyl, Ihr habt Besuch“, sagte er und verneigte sich. „Er ist ein Magier und sagt, er sei gerade aus Kyralia eingetroffen.“

„Hat er seinen Namen genannt?“

„Nein, Botschafter.“

Dannyl runzelte die Stirn. Die Gilde hatte ihn nicht im Voraus über einen solchen Besuch informiert. Er fragte sich, was das zu bedeuteten hatte. Sie konnten unmöglich von den Büchern erfahren haben und nun verlangen, dass er sie ihnen überbrachte. Oder war es etwas anderes? Hatten sie herausgefunden, dass er und Tayend ein Paar waren?

Aber hätten sie mich dann nicht sofort nach Imardin beordert?

„Bring ihn zu mir“, wies er Eland an.

Sein Diener verschwand und kehrte wenig später mit einem Mann von kleiner Statur, der in rote Roben und eine dunkelblaue Schärpe gekleidet war, zurück.

„Auslandsadministrator Kito!“ Dannyl erhob sich, um seinen Gast zu begrüßen. „Ich grüße Euch. Euer Besuch kommt überraschend.“

Der Vindo neigte leicht den Kopf. „Ich hoffe, er kommt nicht ungelegen“, erwiderte er und lächelte.

Wie man es nimmt, dachte Dannyl. Sicher war Kito nicht den weiten Weg nach Capia gereist, um ihm einen Höflichkeitsbesuch abzustatten und über diplomatische Angelegenheiten zu plaudern. Seine Arbeit als Botschafter und die Nachforschungen über Lord Sadakane an den Abenden und Wochenenden nahmen sehr viel Zeit in Anspruch. Was auch immer Kito von ihm wollte, es würde ihn dazu zwingen, seine Aufgaben zu vernachlässigen.

„Bitte setzt Euch doch“, forderte er den Vindo auf und wies auf einen freien Stuhl. „Mein Diener wird Euch eine Erfrischung bringen, wenn Ihr wünscht.“

Der Auslandsadministrator blickte zu Eland. „Ein Glas Wasser, bitte.“

„Sofort, Mylord.“

„Also, Auslandsadministrator“, begann Dannyl, nachdem sein Diener das Gewünschte gebracht und sie höfliche Belanglosigkeiten ausgetauscht hatten. „Was führt Euch nach Elyne? Und warum hat die Gilde mich nicht über Euer Kommen informiert?“

„Die Angelegenheit, wegen der man mich zu Euch geschickt hat, ist streng vertraulich“, antwortete Kito. „Ich habe eine diplomatische Mission zu erfüllen. Da Eure Fähigkeiten als Botschafter von allen Seiten gelobt werden, hat die Gilde angeordnet, dass Ihr mich bei dieser Mission begleitet.“

So, ich werde also für einen guten Botschafter gehalten, dachte Dannyl amüsiert. Angesichts der sich hartnäckig haltenden Gerüchte über manche seiner Vorlieben überraschte ihn das. Die Anerkennung in Kitos Stimme erschien ihm seltsam unwirklich, da er von Kitos Ablehnung gegenüber gewissen sexuellen Präferenzen wusste. Die Worte des Auslandsadministrators hatten indes Dannyls Neugier erregt.

„Worum soll es bei dieser Mission gehen?“

„Unsere Aufgabe ist es, einen Krieg zu verhindern.“

Lächelnd trank Dannyl einen Schluck Wein. „Dann kann ich Euch helfen.“

Kitos Miene wurde ernst. „Botschafter Dannyl, ich habe Eure Berichte über den Streit zwischen dem Großen Clan Koyhmar und den anderen Clans von Lonmar, den Ihr vor zwei Jahren erfolgreich geschlichtet habt, studiert“, sagte er. „Ich bin über Eure Fähigkeiten als Schlichter im elynischen Parlament im Bilde. Doch, diese Mission wird Eure bisherigen Taten in den Schatten stellen.“

Dannyl runzelte die Stirn. Wie meinte Kito das? Was konnte so viel bedeutsamer sein, als die Streitigkeiten zweier Clans? Plötzlich kam ihm ein entsetzlicher Verdacht. Nachrichten über das Geschehen in Imardin erreichten Capia mit einigen Wochen Verzögerung, so dass Dannyl nicht über die jüngsten Ereignisse informiert war, doch der Grund, weswegen die Gilde Kito zu ihm geschickt hatte, konnte nur ein einziger sein.

Dannyl wurde kalt. „Kito, was ist das für ein Krieg, den wir verhindern sollen?“, fragte er, obwohl er die Antwort bereits zu kennen glaubte.

Kito beugte sich vor und begegnete Dannyls Blick. Seine darauffolgenden Worte machten sämtliche von Dannyls Plänen für die nächsten Wochen zunichte.

„Ein Krieg zwischen Kyralia und Sachaka.“

~~~~~~~~~~~~

Neugierig geworden? Wie es dazu kam, ob Dannyls und Kitos Mission erfolgreich ist, was Dannyl und Tayend entdeckt haben und noch vieles mehr könnt ihr hier lesen.

zurück

Advertisements