Leseprobe III – Der Spion

Auszug aus Kapitel 33 – Nächtliche Jagd

Während der letzten halben Stunde waren sämtliche Patrouillen in die Richtung von Gorins Bezirk vorgerückt. Sonea und Akkarin hatten die Männer, die auf der Straße der Diebe unterwegs waren, in den Tunneln unter jenem Areal zusammengezogen. Die Übrigen umkreisten gerade die Gegend, wo zwei von Gorins Männern hinter den Sachakanern herschlichen.

In einem Bolhaus am Hafen hatte Cery mit seiner Autorität als Stadtwache drei Pferde geborgt, auf denen sie nun durch die engen, sich windenden Straßen der Hüttenviertel galoppierten. Sonea schwante, dass eine Gefälligkeit bei dem Borgen der Pferde ebenfalls eine Rolle gespielt hatte.

Die Straßen waren zu dieser Stunde wie ausgestorben, die schäbigen Häuser huschten wie dunkle Schatten an ihnen vorbei. Nur ein paar Betrunkene verließen wankend die Bolhäuser, an denen sie vorbei kamen. Es musste bereits früher Morgen sein, wenn auch noch zu früh, als dass die Bäcker und Marktarbeiter ihr Tagewerk begannen. Zu Soneas Erleichterung würde dieser Ritt nur kurz sein. Sie war nicht erpicht darauf, Magie verschwenden zu müssen, um sich zu heilen, weil ihre Oberschenkel aufgescheuert waren und sie nicht mehr laufen konnte.

Immer wieder blitzten Bilder der Wachen in Gorins Bezirk, die auf Leichen von Ikaros Opfern gestoßen waren oder glaubten, die Flüchtigen gesichtet zu haben, in Soneas Geist auf. Sie kamen entweder direkt von den Männern, die ihre Blutjuwelen trugen, oder waren von Akkarin an sie weitergeleitet. Jedes Mal hielt Sonea entsetzt den Atem an und bereitete sich darauf vor, den Tod einer weiteren Wache hautnah mitzuerleben. Der Schrecken über den Tod der beiden Männer, während sie auf Cerys Boot gewesen waren, saß ihr noch immer zu tief in den Gliedern.

Nach diesem Vorfall hatten sie den übrigen Patrouillen zu Vorsicht angehalten und diese angewiesen, den Kontakt über die Blutjuwelen zu halten. Die Anspannung der Männer, die dabei waren, die beiden Sachakaner einzukreisen, war seitdem für Sonea nur schwer auszublenden. Selbst, nachdem sie sie verdrängt hatte, schien sich ihre eigene Nervosität vervielfacht zu haben.

Ein Bild von zwei verhüllten Gestalten in einer engen, finsteren Gasse blitzte vor ihren Augen auf.

– Das müssen sie sein!

– Ja, das sind sie, bestätigte Sonea, sich an die entsetzliche Szene wenige Minuten zuvor erinnernd. Seid vorsichtig. Wenn sie euch sehen, werden sie euch töten.

– Mein Partner’s zum anderen Ende der Straße unterwegs. Er kennt ’nen Schleichweg.

– Nein! Hol ihn zurück. Bleibt zusammen.

– Sonea, es ist zu spät, sandte Akkarin. Sieh nur.

Am anderen Ende der Gasse tauchte eine einzelne Gestalt auf, die langsam näher kam.

Oh nein, dachte Sonea. Gleich würde es wieder passieren und es gab nichts, was sie tun konnte, um es zu verhindern. Spätestens bei der zweiten Nachtstreife mussten die Sachakaner misstrauisch werden. Nur vage bekam sie mit, wie Akkarin seine Hälfte der Patrouillen zu dieser Straße beorderte.

„Wie weit ist es noch?“, hörte sie Akkarin fragen.

„Keine fünf Minuten mehr“, antwortete Cery.

Das brachte Sonea ein Stück zurück aus der Starre, in die sie gefallen war.

– Wie ist dein Name?, fragte sie den Mann in der Gasse.

– Voril.

– Gut, Voril. Egal, was gleich geschehen wird. Bleib wo du bist und versteck dich. Wir sind gleich da. Halte solange durch.

– Wir sind befreundet. Ich kann ihn nicht im Stich lassen.

– Voril, das sind Sachakaner. Wenn er ihre Aufmerksamkeit erregt, werden sie ihn töten, egal was du versuchst. Und sobald sie bemerken, dass er nicht alleine ist, werden sie dich ebenfalls töten.

Sie konnte Vorils Angst spüren, als wäre es ihre eigene. Sonea atmete tief durch und schob sie beiseite. Durch den Ring beobachtete sie, wie Voril sich im Schatten eines Hauseingangs verbarg, so dass er das Geschehen auf der Straße weiter verfolgen konnte. Sonea unterdrückte ein Seufzen. Es wäre ihr lieber gewesen, hätte er diesen Ort verlassen. Aber so konnten sie wenigstens sehen, was die Sachakaner taten.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Voril in Sicherheit war, sandte sie ihre Hälfte der Patrouillen ebenfalls zu dieser Gasse. Inzwischen befand sich die komplette Stadtwache der Hüttenviertel in Gorins Bezirk. Es war den Sachakanern nun nahezu unmöglich, unbemerkt zu entkommen.

Ohne Vorwarnung spürte Sonea plötzlich eine Panik, die nicht die ihre war. Sie sog scharf die Luft ein. Dann erinnerte sie sich wieder an das, was Akkarin sie einige Stunden zuvor gelehrt hatte. Sich auf sich selbst konzentrierend kontrollierte sie ihre Atmung und ihren Puls, bis sie wieder klar denken konnte.

Dann warf Sonea einen Blick durch Vorils Blutjuwel und ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Sein Partner war die Gasse entlang gekommen, als würde er einen nächtlichen Spaziergang machen. Und er und die Sachakaner standen nun inmitten der schmalen Straße. Sonea konnte nicht sagen, wer von ihnen wen angehalten hatte. Aber es spielte auch keine Rolle mehr.

„Sie haben eine Patrouille“, sagte sie laut. „Wie lange dauert es noch, bis wir da sind?“

„Noch zwei Querstraßen“, antwortete Cery.

Als Sonea ihren Fokus wieder auf Voril richtete, lag sein Partner auf dem zertrampelten Schnee in der Gasse. Die beiden Sachakaner hatten gedreht und kamen zurück. Sonea wagte kaum zu atmen. Denn sie hielten direkt auf Voril zu.

– Voril, können sie dich sehen?, sandte sie.

– Weiß nicht.

– Versuch ins Haus zu gelangen.

– Ja, antwortete er nur.

Sonea hoffte, er war in seiner Vergangenheit ein hervorragender Schlösserknacker gewesen. Sie warf einen Blick zu Cery. Ihr Freund wies auf die Kreuzung vor ihnen und machte eine Handbewegung nach links.

– Voril, wir kommen dich jetzt retten, sandte sie.

Voril antwortete nicht. Erst da begriff sie, dass seine Präsenz nicht mehr durch das Blutjuwel spüren konnte. Zu spät, dachte sie. Wir kommen zu spät.

– Du hast getan, was du konntest, sandte Akkarin. Diese Männer wussten, was sie riskieren. Ohne sie hätten wir sie nicht so rasch gefunden.

– Ich weiß, es ist nur …

– Ah, die Gilde lässt ihre beiden gehorsamen Yeel raus, um uns aufzuhalten.

Sonea zuckte zusammen. Sie hatte diese kalte Stimme erst ein einziges Mal gehört, aber sie würde sie immer wiedererkennen. Sie spürte denselben Zorn in sich aufwallen, den sie damals bei seiner Anhörung verspürt hatte.

– Ja, antwortete sie grimmig. Aber dieses Mal werden wir euch vernichten.

Ihr Blickfeld zersplitterte. Einen langen Augenblick war sie verstört, dann begriff sie, dass Ikaro das Blutjuwel zerstört hatte. Für ihn war es nutzlos. Wenn er es behielt, würde sie alles sehen können, was er tat.

Endlich erreichten sie die Kreuzung. Sonea und Akkarin zügelten ihre Pferde und sprangen ab, bevor diese ganz zum Stillstand gekommen waren. Sonea brauchte einen kurzen Augenblick, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Sie eilte auf Akkarin zu und ergriff seine ausgestreckte Hand, bereit ihre Magie der seinen hinzuzufügen.

„Cery, bleib hinter uns“, murmelte Akkarin.

Ihre Freund nickte nur und ließ ihnen den Vortritt.

Dann rannten sie in die Gasse auf den Hauseingang zu, wo Voril gestorben war. Auf einen Blick konnte Sonea sehen, dass die Straße vor ihnen verlassen war.

– Wir sollten vorsichtig sein, sandte Akkarin. Ikaro hat seit der Entfesselung seiner Magie siebzehn Menschen mit schwarzer Magie getötet. Möglicherweise auch mehr. Selbst wenn sie kaum magisches Potential hatten, ist er jetzt sehr viel stärker.

Über Sonea brach eine Woge von Panik herein. Dieses Mal war es jedoch ihre eigene. Sie versuchte sie zu verdrängen, so wie sie die Gefühle der Blutjuwelenträger verdrängt hatte.

– Soll ich den Schild übernehmen?, fragte sie. Akkarin besaß so viel mehr Erfahrung in Kampf gegen schwarze Magier, sie war nur eine Novizin.

– Zumindest solange ich dir nichts anderes sage, antwortete er.

– Verstanden.

Vor dem Hauseingang hielt Akkarin inne.

– Sie werden wahrscheinlich versuchen, uns in einen Hinterhalt zu locken, sandte er. Aber solange sie in dem Haus sind, können sie uns nicht so leicht entkommen. Halt dich hinter mir und umgib uns mit einem Schild.

Statt einer Antwort drückte Sonea seine Hand kurz, zu nervös, um Worte zu benutzen. Einen tiefen Atemzug nehmend griff sie nach ihrer Magie und umgab sie beide mit einem starken kugelförmigen Schild. Um den mit der Schildfläche verbundenen Magieverbrauch möglichst gering zu halten, hielt sie sich so dicht hinter Akkarin, wie es möglich war, ohne dass sie einander behinderten.

Akkarin wandte sich zu Cery und machte einige Zeichen in der Sprache der Diebe. Die Antwort ihres Freundes war eine rüde Geste, die zugleich bedeutete, dass er verstanden hatte. Sonea unterdrückte ein Kichern und wurde dann schlagartig wieder ernst, als Akkarin durch die aufgebrochene Haustür trat. Einen tiefen Atemzug nehmend beeilte sie sich, ihm zu folgen.

In der Dunkelheit des Hauses waren nur Schemen zu erkennen. Erst als sie Akkarin die Laterne, die Cery die ganze Zeit über getragen hatte, weiterreichte, konnte Sonea sehen, was sich in dem dahinterliegenden Raum befand.

Sie standen in einer kleinen Wohnküche. Vorils Leiche lag keine zwei Schritt von ihnen entfernt auf dem Holzboden. Soneas Herz setzte einen Schlag aus. Es war der Mann, der sie in Cerys Wachhaus gefragt hatte, ob die Blutjuwelen wirklich nur ans Glas bestünden – Voril. Dass sie ihn, wenn auch nur flüchtig, gekannt hatte, machte seinen Tod umso entsetzlicher.

Von den beiden Sachakanern war derweil keine Spur zu sehen. Von oben drang jedoch ein seltsames rhythmisches Geräusch.

– Sie sind im oberen Stockwerk, sandte Akkarin. Sie werden damit rechnen, dass wir sie dort suchen. Damit sie uns nicht kommen hören, schweben wir.

– Ich werde darauf achten, dass unser Schild nach unten hin dicht bleibt, erwiderte Sonea.

Akkarin deutete in Richtung der Treppe, die an einer Seite hinaufführte. Er gab Cery die Laterne zurück und machte erneut ein paar Zeichen in der Sprache der Diebe. Sonea glaubte ’warte draußen’ und ’Pferde’ zu verstehen. Dann schlang er einen Arm und ihre Taille und schuf eine Scheibe aus Magie unter ihren Füßen. Während sie in völliger Dunkelheit die Treppenstufen hinaufschwebten, klopfte Soneas Herz so laut, dass sie glaubte, die Sachakaner müssten es hören. Sie wagte kaum zu atmen und zwang sich zur Ruhe. Akkarin war bei ihr, sie waren nicht mehr so unvorbereitet wie bei der Schlacht von Imardin. Und sie hatten eine große Menge Magie aus dem Dome bezogen.

Als sie mit dem Fußboden des oberen Stockwerks auf Augenhöhe waren, hielten sie. Vorsichtig spähten sie über die Kante. Fast hätte Sonea laut aufgelacht, als ihre Furcht für einen Moment in Erheiterung umschlug. Denn jetzt wusste sie auch, was das seltsame Geräusch war, das sie von unten gehört hatte. Es kam von dem Bett an der gegenüberliegenden Wand. Mit ihm schlug ihr ein übler Gestank von Bol entgegen.

Im gleichen Augenblick jagten mehrere rote Lichtblitze auf sie zu. Ihrer und Akkarins Schild erbebte unter der in ihnen steckenden Magie und ein unheilvolles Flackern erfüllte den Raum. Akkarin schwebte mit ihr die letzten Stufen empor. Eine unsichtbare Kraft krachte in ihren Schild. Unwillkürlich zuckte Sonea zusammen.

Ihr Blick fuhr zu zwei Schatten, die sich seitlich von ihnen bewegten.

– Wir können hier nicht kämpfen, sandte er mit unverhohlener Verärgerung. Es ist zu gefährlich.

– Aber wir können nicht warten, bis sie uns erschöpft haben, wandte Sonea ein.

– Nein, stimmte er zu. Was auch immer ich tue, kümmer dich um unseren Schild und sieh zu, dass der Mann dort drüben nicht getroffen wird.

– Verstanden, Lord Akkarin.

Akkarin wandte sich zu den beiden Gestalten. Sein Kraftschlag schleuderte die kleinere so heftig gegen die Wand, dass diese barst und nach außen wegbrach. Ein Teil des Daches stürzte ein. Sonea streckte ihren Willen aus und warf die Trümmer hinaus auf die Straße. Dann warf sie einen Blick über die Schulter. Der Betrunkene hatte von all dem nichts mitbekommen. Flüchtig fragte sie sich, wie er reagieren würde, wenn er aufwachte und das halbe Dach und eine Wand fehlten. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Kampfgeschehen.

Vor ihr duellierte Akkarin sich mit einer Gestalt, die ihn fast überragte. Ikaro. Also war es die Frau, die auf die Straße gestürzt war. Wir müssen ihr folgen!, war alles, was Sonea denken konnte. Wenn sie verletzt war und daran starb, würde ihre Magie das komplette Viertel auslöschen.

Bevor sie Akkarin warnen konnte, erbebte ihr Schild so heftig, dass Sonea instinktiv noch mehr Magie hineingab. Im gleichen Augenblick wirbelte Ikaro herum und warf sich durch das Loch in der Wand. Ohne Soneas Hand loszulassen, stürzte Akkarin ihm hinterher.

Der Boden raste ihnen entgegen. Ihr Aufprall erfolgte nahezu ungedämpft. Aber Sonea blieb keine Zeit, sich davon zu erholen. Kaum, dass sie gelandet waren, zog Akkarin sie zurück zu der Kreuzung, von der sie gekommen waren. Während sie rannten, attackierte er den Schild des Sachakaners mit unaufhörlichen Kraftschlägen.

An der Kreuzung kam Ikaro zum Stehen.

Er rief etwas auf Sachakanisch, das „Töte ihn!“ hätte heißen können. Doch in jedem Fall war er ungehalten.

Eine Frauenstimme antwortete zögernd. Dann wurde die Kreuzung von zwei Lichtkugeln erhellt. Sonea erblickte Cery bei den Pferden, die an einen Laternenpfahl gebunden waren. Vor ihm stand die Sachakanerin.

Sie war also doch nicht verletzt. Und dann begriff Sonea, was sie getan hatte. Sie hatte die Wucht des Kraftschlags ausgenutzt, um zu entkommen.

„Ceryni, gib uns einfach die Pferde“, sagte sie. Ihre Stimme klang trotz des schweren Akzents lieblich. „Ich verspreche, dir wird nichts geschehen.“

„Niemals“, erwiderte Cery. Sein Gesichtsausdruck war hart. „Du bist’n Squimp, Savara. Lieber sterbe ich, als dir und deinem Volk zu helfen, Kyralia zu vernichten.“

– Das ist nicht gut, sandte Akkarin. Ich werde die Frau von Cery ablenken. Wenn sie und Ikaro einzeln kämpfen, dann kümmere dich um ihn.

Sonea konnte nur nicken. Ihre Furcht, Cery könnte etwas geschehen, drohte sie zu überwältigen. Er hätte verschwinden sollen, als wir hier ankamen. Aber sie wusste, das hätte ihr Freund niemals getan. Nicht, weil er eine Vorliebe für magische Duelle hatte, sondern weil er diese Frau liebte. Sie konnte nur hoffen, dass Savara genug an ihm lag, um ihn zu verschonen.

„Cery, es muss nicht so enden“, sagte die Frau.

Cery biss sich auf die Unterlippe und zögerte.

„Nein, das muss es nicht“, sagte Akkarin kalt. „Heute Nacht wird es keine weiteren zivilen Opfer mehr geben.“

Die Frau wandte sich um. Doch anstatt anzugreifen, starrte sie Akkarin furchterfüllt an.

Doch auch Akkarin schien wie erstarrt.

Du?“, stieß er tonlos hervor.

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Neugierig geworden? Wie es dazu kam und wie es weitergeht, könnt ihr ebenso wie was Cery mit der Stadtwache zu schaffen hat und wieso Akkarin und Savara sich kennen, hier lesen.

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