Leseprobe II – Schwärzer als die Nacht

Kapitel 12 – Der Sklave des Hohen Lords (Auszug)

So I pray for the broken
This is not the end of innocence

Of innocence…
Where do we go from here…?

(End Of Innocence, Haven)

Endlich! Akkarin betrachtete das Päckchen, das Takan mit der Post gebracht hatte, erfreut. Es war nicht besonders groß, doch das, was er darin erwartete, war es auch nicht. Er hatte sofort gewusst, was es war, als er es unter den Briefen entdeckt hatte. Dass der Absender der Name eines gewissen Dem aus Elyne war, hatte seine Vermutung bestätigt.

Seine übrige Post ignorierend griff er nach seinem Brieföffner und schlitzte das Papier, das um das Päckchen gewickelt war, auf. Als er die Verpackung auseinander schlug, fiel sein Blick auf einen Brief und einen winzigen Beutel aus weichem Leder.

An den Hohen Lord Akkarin, Magiergilde zu Kyralia,

Mit Freuden habe ich Euren Amtsantritt zur Kenntnis genommen. Da dies nun bereits eine Weile zurückliegt, hoffe ich, dass Ihr mir verzeiht, wenn ich Euch erst jetzt meine Glückwünsche ausspreche. Ich bin überzeugt, Ihr werdet eine große Bereicherung für die Gilde sein.

Bitte verzeiht, dass meine Antwort auf Eure Anfrage solange auf sich warten ließ. Ich verweilte auf meinem Zweitwohnsitz an der Küste im Norden Elynes, als mich Eure Nachricht erreichte. Leider verwahrte ich das Artefakt auf meinem Wohnsitz im Hinterland auf. Da ich mich an der See von einer langen Krankheit erhole, war es mir leider nicht möglich, zurückzureisen und Euch den Ring zu schicken. Also sandte ich eine Nachricht an meine Tochter, die das Anwesen in meiner Abwesenheit verwaltet, mit der Bitte, es Euch zu senden. Ich hoffe sehr, es ist der richtige Ring.

Hochachtungsvoll,

Dem Tarrelin

Mit angehaltenem Atem öffnete Akkarin den Lederbeutel und zog den Inhalt heraus. Das Sonnenlicht brach sich auf dem Gold des verzierten Metallbandes und ließ den roten Stein in seiner Mitte funkeln.

Akkarin spürte, wie ein Lächeln an seinen Mundwinkeln zerrte. Das war der Ring.

Er verließ seinen Schreibtisch und schritt zu der Sitzecke, wo er sich mit dem Ring in einen der Sessel sinken ließ. Es wurde höchste Zeit, herauszufinden, wie dieses Artefakt funktionierte. Der schwarze Magier tötete noch immer und es war Akkarin noch nicht gelungen, ihn aufzuspüren, da er offenkundig sein Versteck gewechselt hatte. Am vergangenen Abend hatte er einen neuen Hinweis erhalten, doch er hatte die Suche auf den heutigen Abend verschieben müssen.

Nachdem ich mit Lorlen im Abendsaal war.

Sein Freund war nicht allzu begeistert gewesen, dass Akkarin sein Versprechen eine Woche zuvor nicht gehalten hatte, und so hatte Akkarin sich genötigt gefühlt, ihn auf die nächste Woche zu vertrösten. Das hatte ihn unter den Druck gesetzt, den Mörder bis zum nächsten Vierttag zu finden.

Dass ihm das nicht gelungen war, setzte Akkarin jetzt mehr unter Druck, als er erahnen konnte.

Er wusste nicht, wie stark dieser Magier vor seiner Ankunft in der Stadt gewesen war. Unter der Stadtbevölkerung konnte er sich sehr viel effektiver stärken, als Akkarin mit Takan als seiner einzigen Quelle. Zumindest in der Theorie.

Entschlossen schob Akkarin seine Beunruhigung beiseite und konzentrierte sich auf den Blutring in seiner Hand. Ein Teil des Drucks würde von ihm abfallen, wenn es ihm gelang, ein solches Artefakt für Takan herzustellen. Zu wissen, was während seiner Jagd in der Gilde vorging oder ob unerwartete Besucher kamen, war für sich genommen bereits eine große Erleichterung. Bis jetzt war Akkarin in seinen Experimenten jedoch an der Herstellung eines Blutjuwels gescheitert. Er hoffte, die Untersuchung dieses Rings würde ihm dabei helfen. Sechs Jahre zuvor hatte er an ihm nichts Außergewöhnliches entdecken können. Tatsächlich war er sogar enttäuscht gewesen, als sich herausgestellt hatte, dass der vermeintliche Rubin nur Glas war. Doch jetzt, wo er um seine magischen Eigenschaften wusste, konnte Akkarin den Blutring unter einem anderen Aspekt untersuchen.

Als er seinen Willen nach dem Glas ausstreckte, spürte Akkarin die Überreste einer magischen Präsenz. Sie war so schwach, dass ein gewöhnlicher Magier sie nicht spüren konnte. Mit schwarzer Magie kratzte sie indes am Rande seiner Wahrnehmungsschwelle.

Interessant, dachte er. All die Jahre hatte er geglaubt, es wäre etwas Magisches im Blut, das die Verbindung zwischen Träger und Erschaffer herstellte. Doch jetzt begriff er, was ihm unter Dakova verborgen geblieben war. Das Blutjuwel trug einen Abdruck der Persönlichkeit seines Erschaffers. Und jetzt begriff Akkarin auch, warum eine lebende Komponente wie Blut erforderlich war, um die Verbindung zu besiegeln. Wie bei einer lebenden Person brauchte die Präsenz des Erschaffers ein Medium, in dem sie existieren konnte.

Und ganz offenkundig spielte es dabei keine Rolle, ob das Blut des Erschaffers oder des Trägers verwendet wurde. Die Kontrolle hatte immer derjenige, der es herstellte. Wessen Blut man verwendete, hing einzig von dem Zweck ab, den das Blutjuwel erfüllen sollte.

Akkarin hatte noch keine Idee, wie er seine Persönlichkeit auf ein Blutjuwel prägen sollte, doch er würde einen Weg finden.

Entschlossen erhob er sich und verließ die Bibliothek.

Die Küche gehörte zu den Orten, die Akkarin nach einer Inspektion während der Renovierungsarbeiten nicht mehr aufgesucht hatte. Die Küche und das neben ihr errichtete Quartier waren Takans Reich. Als Akkarin nun hierherkam, stahl sich ein Gefühl über ihn, das er nicht näher zu benennen wusste. Fünf Jahre lang hatten sie ein Zelt geteilt, in dem sie gekocht und geschlafen und gestritten hatten. Aber in jenem Zelt hatten sie einander auch Dinge anvertraut, die sie den anderen Sklaven nie anvertraut hatten.

Oder vielmehr ist Takan mir so lange auf die Nerven gegangen, bis ich ihm diese Dinge freiwillig erzählt habe, damit er endlich Ruhe gibt.

Als Akkarin durch die vor ihm aufschwingenden Küchentüren trat, verstärkte sich das Gefühl von Seltsamkeit. Wo das gemeinsame Kochen einst Alltag gewesen war, hätte Akkarin sich nun nicht mehr fehl am Platz fühlen können.

Die Küche war von einem Schreinermeister, der nur den Oberhäuptern der mächtigsten Häuser seine Möbel verkaufte, gebaut worden. Dementsprechend erlesen war die Ausstattung bis hin zu den Töpfen und Pfannen. Der Mann hätte die Küche sogar mit neuen Kochmessern ausgestattet, hätte Takan nicht deswegen protestiert.

Jetzt hing ein würziger Duft in dem großzügig geschnittenen Raum. In einem Topf auf dem Herd blubberte etwas vor sich hin, was Akkarin für eine Suppe aus Meeresfrüchten und Monyos hielt. Der Duft vermischte sich mit dem süßen Duft von Kuchen, der offenkundig gerade in dem steinernen Ofen gebacken wurde. Und in einem Regal lagerten Körbe mit Obst und Gemüse – mehr als Akkarin in einer Woche essen konnte.

Er schüttelte unwillkürlich den Kopf. Er würde Takan niemals ausreden können, jeden Tag so üppig für ihn zu kochen. Soweit er wusste, war Takan nie von seiner Gewohnheit, die Reste, die sein Meister übrigließ, zu essen. Tatsächlich gehörte dies zu den Dingen, die Akkarin über seinen einstigen Leidensgenossen nicht wissen wollte. Wenn dem so war, dann waren die Reste wenigstens nicht verschwendet und er zog dies der Möglichkeit, dass Takan für sich selbst eine einfache Mahlzeit kochte, vor.

Er fand Takan am Arbeitstisch damit beschäftigt, Kräuter mit seinem Kochmesser kleinzuhacken. „Machst du wieder Kräuterbrötchen?“, fragte Akkarin.

Sein Diener zuckte zusammen. „Meister“, brachte er hervor und verneigte sich. „Was … macht Ihr hier?“

Früher hättest du mich gefragt, wo ich mich so lange herumgetrieben habe, und mich gescholten, fuhr es Akkarin durch den Kopf. Und dann hättest du mir irgendeine niedere Arbeit zugeteilt.

Auch wenn die Erinnerungen an Sachaka schmerzten, so waren es diese, die ihn neben dem Verlust Isaras am meisten schmerzten. Denn er hatte einen Freund verloren.

Er zeigte Takan den Ring. „Ich glaube, ich weiß jetzt, wie man Blutjuwelen herstellt.“

Takan ließ das Messer sinken. „Dann sollten wir keine Zeit verschwenden.“

Akkarin erschauderte. „Ja“, sagte er nur. „Komm mit.“

Er wandte sich um und schritt zur Tür. Nach einem kurzen Flur erreichte er die Treppe, die von der Empfangshalle in den Keller reichte.

Auf dem Tisch stand noch immer die Schüssel mit den Glasscherben, die er in den vergangenen Wochen für seine Experimente benutzt hatte. Akkarin holte seinen Dolch aus der Truhe und zog ein kleines Handtuch aus einem Regal.

Takan hatte derweil einen Ärmel seiner Uniform hochgekrempelt und seinen Arm auf den Tisch gelegt. Akkarin atmete leise auf. Er konnte Takan nicht ausreden, sich vor ihm zu Boden zu werfen, wenn er seine Magie nahm. Doch wenigstens war es ihm nach einer längeren Diskussion gelungen, ihm auszureden, Selbiges während Akkarins Experimenten zu tun.

Behutsam drückte Akkarin seinen Dolch auf Takans Unterarm. Wäre es nach Takan gegangen, so hätte er dabei nicht sanft sein brauchen. Aber wenn Akkarin schon jedes Mal, das er Takan schnitt, mit seinem Gewissen haderte, dann fand er, es sollte zumindest möglichst schmerzfrei geschehen.

Nachdem sich einige Tropfen Blut in dem Schnitt gesammelt hatten, drehte Takan seinen Arm um und Akkarin fing das Blut mit seiner Hand auf. Er ließ die Wunde offen für den Fall, dass er einen zweiten Versuch benötigte. Dann griff er nach einer Glasscherbe, warf sie in die Luft und schmolz sie mit seiner Magie.

Jetzt bin ich gespannt, ob meine Theorie zutrifft.

Mit der Hand, in der er Takans Blut gesammelt hatte, fing Akkarin die heiße und flüssige Glaskugel ein. Dann tat er das, was er tat, wenn er hinter die Barriere in Takans Geist schlüpfte, und sandte seinen Geist in das Gemisch aus Blut und Glas.

Erst als das Glas wieder fest wurde, zog Akkarin sich daraus zurück. „Hier“, sagte er und reichte Takan den kleinen, roten Stein. „Sag mir, ob du dadurch etwas spürst oder hörst.“

Folgsam nahm Takan das Blutjuwel entgegen.

Eine Empfindung und ein Bild der Rückwand des Kellers und seiner eigenen Gestalt zuckte durch Akkarins Bewusstsein. Und da wusste er, es hatte funktioniert.

– Kannst du mich hören?, sandte er seinen Willen auf das Blutjuwel gerichtet.

„Ja, Meister.“ Takan strahlte. „Es hat also funktioniert?“

„Ja“, antwortete Akkarin eine plötzliche Woge der Erleichterung verspürend. „Kannst du mir auch durch das Blutjuwel antworten?“

„Wie?“, fragte Takan.

„So ähnlich wie beim Gedankenlesen. Anstatt etwas laut zu sagen, denke es. Da ich alles sehen und hören kann, was du siehst und hörst, kann ich auch alles sehen, was du denkst.“

– Meint Ihr so?

Akkarin spürte, wie ein Lächeln an seinen Mundwinkeln zerrte.

– Genau so.

– Ich hatte tatsächlich vor, Kräuterbrötchen zu backen, vertraute Takan ihm an. Es sei denn, Ihr möchtet, dass ich aus den Kräutern eine Marinade mache. Oder sie für Tugorklöße verwende.

-Kräuterbrötchen wären wunderbar, erwiderte Akkarin.

„Du kannst das Blutjuwel nun ablegen“, sagte er. „Ich werde dir einen Ring wie diesen, den der Dem mir geschickt hat, aus meinem Blut machen. Ich muss nur zunächst noch ein geeignetes Stück Metall finden.“ Er runzelte die Stirn. „Das Einzige, das ich entbehren kann, ist das Silberbesteck im Empfangsraum“, murmelte er und schritt zur Tür. „Bleib sitzen, ich bin gleich wieder da.“

„Nicht, Meister.“

Akkarin hielt inne. „Es ist nur dummes Besteck, Takan.“

„Wir wissen beide, dass dies eine schlechte Lösung ist.“

Akkarin zuckte zusammen. Auch ohne, dass Takan das Kleinod in seiner Hand hielt, wusste er, was dieser dachte. Denn dafür kannten sie einander zu gut.

„Ich müsste den Ring unter meiner Uniform tragen. Doch selbst dann könnte er verlorengehen. Was, wenn jemand anderes ihn findet und herausfindet, was es ist?“

Du willst das doch nur, um deine Erfüllung zu verwirklichen, wollte Akkarin sagen. Doch er brachte es nicht über sich, die Worte zu sprechen. Es war nicht fair, Takan zu verletzen, nur weil er nichts von barbarischen Ritualen hielt.

Zudem war ihm nur allzu bewusst, dass es die einzige Lösung war. Und er hasste sich selbst dafür, dass er sie in Betracht zog. Er würde den einzigen Menschen, der ihn besser verstand als jeder andere, benutzen. Um seine schmutzigen Geheimnisse zu wahren. Für das Wohl der Gilde.

Ich will das nicht tun, dachte er. Wenn ich das tue, dann überschreite ich auch die letzte Grenze zwischen uns.

Aber er durfte Takan nicht mit diesem Blutjuwel herumlaufen lassen. Jeder würde sich wundern, warum ein Diener offenkundig wertvollen Schmuck trug und Akkarin wollte sich nicht ausdenken, was geschah, wenn er das Blutjuwel versehentlich verlor.

Einen tiefen Atemzug nehmend schloss er die Augen. Dann schob er all seine Emotionen, so wie in der Nacht, in der er Dakova und seine Sklaven getötet hatte, beiseite und fertigte ein zweites Blutjuwel aus seinem eigenen Blut an.

Als er fertig war, blickte Takan ihn erwartungsvoll an.

Akkarin unterdrückte ein Seufzen und stählte sich für das, was als Nächstes kommen würde.

„Beug dich nach vorne.“

Takans Augen weiteten sich, dann gehorchte er. Akkarin streckte seinen Willen nach seinem Dolch aus, dann machte er jegliches Denken abstellend einen tiefen Schnitt in Takans Nacken direkt unter dem Haaransatz. Unter ihm sog Takan scharf die Luft ein.

„Es ist gleich vorbei“, murmelte Akkarin. Er griff nach dem Blutjuwel und schob es unter die Haut in dem Schnitt. Dann bedeckte er die Wunde mit seiner Hand und heilte sie zusammen mit dem Schnitt an Takans Handgelenk.

Als er fertig war, trat er einen Schritt zurück.

„Das ist es“, sagte er.

Er konnte Takans Präsenz am Rande seines Bewusstseins spüren und er musste all seinen Willen aufbringen, um zu ignorieren, was er dort sah. Noch nie in seinem Leben hatte es sich falscher angefühlt, einen anderen Menschen glücklich zu machen.

„Ich stehe in Eurer Schuld, Meister.“ Takan erhob sich, doch bevor er auf die Knie gehen konnte, hielt Akkarin ihn auf.

„Nicht“, sagte er. „Mach es mir nicht noch schwerer, als es ist.“

Takan nickte nur. Allein der Ausdruck in seinen Augen hätte Bände gesprochen, würde Akkarin nicht gerade von einer Flut von Emotionen, die nicht die seinen waren, überwältigt.

„Soll ich dir als Entschädigung beim Kochen zur Hand gehen?“

Die Frage war heraus, bevor er es hatte verhindern können. Aber es war eine ernstgemeinte gewesen.

Takan bedachte ihn mit einem ungewohnt vernichtenden Blick. „Macht Ihr Euch über mich lustig?“

„Es war als Ausgleich dafür, dass ich dich von deiner Arbeit abgehalten habe, gedacht. Um der alten Zeiten willen.“

„Ich denke nicht, dass das noch angemessen wäre“, erwiderte Takan ungewöhnlich hart. „Nicht nach heute.“

Natürlich nicht!, dachte Akkarin. Er war dumm gewesen, zu glauben, Takan würde sein Angebot annehmen. An diesem Tag hatte er endgültig ausgelöscht, was sie einst verbunden hatte.

Denn an diesem Tag hatte er Takan endgültig zu seinem Sklaven gemacht. Und dabei ließ sich auch nicht wegdiskutieren, dass dieser es so gewollt hatte und die Umstände ihnen keine Wahl gelassen hatten.

„Wenn das alles wäre, würde ich nun gerne an meine Arbeit zurückkehren, Meister“, sagte Takan.

Akkarin nickte. „Du kannst gehen.“

Als sich Takans Schritte entfernten, fühlte Akkarin sich einsamer denn je.

***

„Wo warst du heute?“, fragte Lorlen, kaum dass Akkarin ihn mit dem Argument, sein Wein ginge zur Neige und sie könnten ebenso gut im Abendsaal trinken, nach draußen gescheucht hatte. „Ich dachte, du kommst zur Gildenversammlung.“

Eine Freundschaft zerstören, die niemals eine war.

„Ich hatte zu arbeiten. Die Themen, die auf der Tagesordnung standen, haben mich nicht interessiert.“

Takans Präsenz kratzte am Rande seines Bewusstseins und Akkarin versuchte, sie auszublenden. Er hatte gehofft, der räumliche Abstand würde zumindest indirekt helfen, doch die fremde Präsenz war wie eine ständige Erinnerung an das, was er getan hatte.

„Du hast einen Streit zwischen Lord Peakin und Lord Davin verpasst.“

„Oh, so etwas aber auch!“, rief Akkarin das Gefühl der fremden Präsenz überspielend. „Lass mich raten: Es ging wieder einmal um Davins Wettertheorien.“

„Tatsächlich ging es um diese. Doch dieses Mal hatte Lord Peakin einige so überzeugende Argumente, dass Davin es so bald nicht wieder versuchen wird.“

Weil ihm die Forschungsmittel fehlten, um seine Theorien zu beweisen, wusste Akkarin. Doch solange der Leiter der alchemistischen Studien Davins Theorien für eine Verschwendung von Zeit und Geld hielt, würde Davin nicht recht bekommen.

Hätte es in Akkarin Macht gestanden, so hätte er das Projekt genehmigt. Die Entscheidung oblag jedoch der Gildenversammlung und Akkarin hätte seine Position missbraucht, hätte er die Gilde umgangen. Zudem beschäftigten ihn viel grundlegendere Probleme.

„Das klingt, als wäre es wirklich amüsant gewesen.“

„Weswegen es mich wundert, dass du nicht gekommen bist.“ Lorlen warf ihm einen bedeutungsvollen Seitenblick zu. „Sonst lässt du dir die kleinen Streitigkeiten der Gilde nicht entgehen.“

„Wie ich bereits sagte, ich hatte einige wichtige Dinge zu erledigen“, erwiderte Akkarin. „Bemessen an ihnen hatten Davin und Peakin die geringere Priorität.“

„Es ging doch nicht etwa um eine junge Dame aus den Häusern?“

An diesem Abend überspannte er den Bogen von Akkarins Geduld. Jedoch nicht, weil seine Scherze unangemessen waren. Sondern weil Akkarin selten weniger geneigt gewesen war, diese über sich ergehen zu lassen.

„Lorlen“, sagte er streng. „Ich weiß, dass du um mein Wohlergehen besorgt bist und daher mit Freuden die Briefe gewisser Damen an mich weiterleitest. Doch meine Einstellung hat sich im letzten halben Jahr nicht geändert. Zudem war mir nicht bekannt, dass für den Hohen Lord bei Gildenversammlungen Anwesenheitspflicht besteht.“

„Schon gut, schon gut!“, rief sein Freund und hob abwehrend die Hände. „Ich habe es zu weit getrieben, bitte entschuldige.“

„Es gibt nichts zu entschuldigen“, sagte Akkarin nur.

Lorlen rang sich ein schiefes Lächeln ab. „Sag mir nur, dass es dir gutgeht“, sagte er und bedachte Akkarin mit seinem Heilerblick.

Akkarin unterdrückte ein Seufzen. „Es geht mir gut. Sehe ich aus, als würde es mir schlechtgehen?“

„Ich habe mir Sorgen gemacht. Du bist geistesabwesend, vergisst Verabredungen, gehst früher zu Bett als ein Novize …“

„Auch der Hohe Lord muss hin und wieder ausschlafen. Und was den Rest betrifft, so verstehen die Häuser es momentan, mir den letzten Nerv zu rauben. Und das nicht nur in Bezug auf ihre heiratsfähigen Töchter.“

„Du erwähntest bei unserem letzten Essen so etwas.“

Trotz des lauen Frühsommerabends war der Abendsaal gut gefüllt. Akkarin brauchte nur seine Sinne auszustrecken, um den Gesprächsfetzen der Magier zu entnehmen, dass Lord Davins und Lord Peakins Streit die Gilde noch immer beschäftigte.

„Was habe ich noch verpasst?“, fragte er, während sie auf die Sessel zusteuerten, in denen sie zu sitzen pflegten. Beide Plätze waren noch frei. An diesem Abend konnte Akkarin sich jedoch nicht darüber freuen. An diesem Abend hatte es einen bitteren Beigeschmack.

„Lord Fergun hat wieder einmal versucht, Schwertkampf als Kurs im Vertiefungsstudium für Krieger durchzusetzen“, antwortete Lorlen, während ein Diener ihnen Wein brachte.

Akkarin hob eine Augenbraue. „War es letztens nicht noch ein Freizeitkurs?“

„Das war, bevor Balkan ihm deutlich gemacht hat, dass Novizen der anderen beiden Disziplinen daran nur wenig Interesse haben.“

„Mit einem Kurs, der für alle offen ist, hätte Fergun größere Chancen, genug Interessenten zu finden“, entgegnete Akkarin.

„Genau das waren Ferguns Worte. Balkan war jedoch der Meinung, damit würden diejenigen, die ernsthaftes Interesse an einem solchen Kurs hätten – also die angehenden Krieger – vertrieben, weil der Kurs in seiner Intensität an jene angepasst werden müsste, die es nur einmal ausprobieren wollen. Und dann hat einer der Alchemisten eingeworfen, dass echte Krieger keinen Schwertkampf brauchen, weil ihr magisches Potential ausreicht, um sich mit Magie zu verteidigen.“

„Das klingt nach Lord Dannyl“, bemerkte Akkarin.

„Es war Lord Dannyl.“

Akkarin lachte leise. Die Fehde zwischen Dannyl und Fergun hatte wahrhaftig den Abschluss der beiden jungen Männer überdauert. Er fragte sich, wohin das noch führen würde. Allein für Lorlens Anekdoten hatte es sich gelohnt herzukommen. Für eine Weile fühlte er sich nicht wie das Monster, zu dem er an diesem Tag geworden war.

Dann wurde er jedoch wieder ernst.

„Damit würden sich zwei Kurse anbieten. Einer für die Freizeit-Schwertkämpfer und einer für all jene Krieger, die damit ihre Geschicklichkeit und ihre Reaktionsfähigkeit schulen wollen.“ Akkarin nippte an seinem Wein. Die wohltuende Wirkung setzte augenblicklich ein und er musste sich zurückhalten, damit er später während seiner Jagd vollständig bei Sinnen war.

„Du kannst das gerne Lord Balkan vorschlagen“, sagte Lorlen mit einem hinterhältigen Funkeln in den Augen. „Ich bin es leid, dass Darrelan Ferguns Gesuche auf mich abwälzt, weil er von diesem Krieger einfach nur genervt ist.“

Akkarin nickte zu zwei rotgewandeten Magiern, die sich ihnen näherten. „Du meinst zum Beispiel jetzt?“

Lorlens Kopf fuhr herum. „Guten Abend, Lord Balkan“, grüßte er. „Lord Fergun.“

„Guten Abend Hoher Lord und Lord Lorlen“, erwiderten die beiden Krieger.

„Ich nehme an, es geht um Schwertkampf als Kurs“, sagte Akkarin.

„Exakt“, antwortete Fergun wichtigtuerisch. „Vielleicht könntet Ihr dem Oberhaupt unserer Disziplin nahelegen, warum angehende Krieger von diesem Kurs profitieren würden?“

Akkarin konnte diesen Mann nicht leiden. Schon als Novize hatte er Fergun nicht gemocht. Er hatte nur davon abgesehen, ihn zu piesacken, so wie dieser andere Novizen gepiesackt hatte, weil er sich selbst für etwas Besseres gehalten hatte.

„Selbstverständlich“, erwiderte er glatt. „Schwertkampf bietet einige Vorteile für angehende Krieger, die der statische Kampf in der Arena nicht leisten kann.“

„Sich bei einem magischen Duell zu bewegen, zeugt nicht gerade von Stil“, entgegnete Balkan.

„Es ist jedoch eine gute Möglichkeit, im Kampf gegen einen stärkeren Magier Kraft einzusparen“, erwiderte Akkarin. „Schwertkampf schult zudem die Geschicklichkeit und die Reaktionsfähigkeit eines Kriegers auf eine Art und Weise, die Magie nicht vermag. Beides kann sich hervorragend ergänzen.“

„Würden wir unsere Krieger zu einer Mischung aus Schwertkämpfer und Magier ausbilden, so würde ich Euch recht geben, Hoher Lord“, sprach Balkan. „Doch unsere Krieger werden zu rein magischen Kämpfen ausgebildet. Der perfekte Krieger braucht keine Kenntnisse anderer Kampfweisen. Sie verderben seinen Stil.“

Solche Worte hätte Akkarin eher von einem Mann wie Fergun erwartet. Jedoch nicht von Balkan. Allerdings war das Oberhaupt der Krieger überaus konservativ, wenn es um eine Kombination magischer und nichtmagischer Fertigkeiten ging.

Er setzte zu einer Antwort an, doch Fergun kam ihm zuvor. „Der perfekte Krieger sollte ein gewisses Maß an Weitsicht und Flexibilität besitzen“, sagte er. „Nur so kann er brillieren.“

„Du warst unglaublich!“, prustete Lorlen, als sie den Abendsaal eine Stunde später wieder verließen. „Ehrlich, Akkarin! Du solltest das alleinige Sagen in der Gilde haben! Das würde uns zahlreiche Endlosdiskussionen und sinnentleerte Entscheidungen ersparen!“

„Und würde uns um amüsante Abende wie diesen bringen“, erwiderte Akkarin.

„Das ist leider wahr.“ Lorlen seufzte. „Zu schade, dass du schon wieder müde bist.“

„Du hättest noch bleiben können.“ Akkarin spürte, wie sich die inzwischen vertraute Unruhe in ihm zu regen begann. Die Nacht war hereingebrochen und der schwarze Magier würde sich auf Jagd begeben haben. Es wurde Zeit, die eigene Jagd zu eröffnen.

„Ohne dich ist es nicht dasselbe. Was dachtest du, warum ich dich immer dabei haben will?“

„Um bei den höheren Magiern mitreden zu dürfen?“

Lorlen schnaubte leise. „Ich bin Darrelans Assistent.“

Im Innenhof hielt Akkarin an. „Gute Nacht, Lorlen.“

Die Enttäuschung im Gesicht seines Freundes war nur schwer zu ertragen. Aber es musste sein.

„Gute Nacht, Akkarin.“

Die Kapuze seiner Robe überziehend eilte Akkarin davon.

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