Leseprobe II – Unter tausend schwarzen Sonnen

Kapitel 20 – Wenn hunderttausend Sonnen aufgehen

I am breathless,
Need I say
How could you find me here?
You, of all, have crossed my way
Unexpectedly … from where?
I feel like I am dreaming
Hold me close,
Tomorrow may be gone

(On The Coldest Winter Night, Epica)

Nach dem Besuch bei Sarika waren sie weiter nach Südosten gezogen. Mit dem Näherrücken der fruchtbaren Regionen entfaltete das karge Land eine ungeahnte Lebendigkeit, die Akkarin an Elyne oder das nördliche Kyralia erinnerte. Immer öfter erblickte er kleine lichte Wälder und sprudelnde Bäche. Den Gerüchten zufolge hielt Rashi sich nach wie vor irgendwo im Gebirge versteckt, weil der König ihn noch immer jagen ließ. Doch bevor er den beschwerlichen Weg dorthin unternahm, wollte Dakova zunächst seine Vorräte auffüllen, denn bis zu ihrer Rückkehr aus den Bergen würde die Sonne das meiste Leben jenseits der fruchtbaren Regionen erneut mit ihren erbarmungslosen Strahlen verbrannt haben.

In Dakovas Fall bedeutete Nahrungsbeschaffung das Überfallen von Siedlungen und Bauernhöfen am Rande der Ödländer.

Die in dieser Gegend siedelnden Bauern, waren freie Nichtmagier, mussten indes einen Teil ihrer Erträge an die Ashaki abgeben, auf deren Land sie lebten. Diese Ashaki waren meist nicht sehr wohlhabend und auf Angriffe der Ausgestoßenen vorbereitet. Dakova ließ sich davon jedoch nicht abschrecken und plünderte unbekümmert jede Siedlung, an der sie vorbeikamen. „Sag deinem Meister, dass Dakova hier war“, pflegte er dabei einem der völlig verängstigten Überlebenden zu sagen, bevor er mit seiner Beute zu dem Ort zurückkehrte, an dem er seine Sklaven versteckte.

„Damit sorgt er dafür, dass er nicht gejagt wird“, erklärte Takana, als Akkarin sich darüber wunderte. „Der Meister und sein Bruder haben sich unter den Ashaki am Rand der Ödländer in den letzten Jahren einen Namen gemacht. Verglichen mit den Ichani sind die Ashaki ziemlich feige. Sie wagen es nicht, sich die beiden Brüder zum Feind zu machen, weil sie einander nicht gut genug leiden können, um sich gegen die Ichani zusammenzutun.“

„Haben Dakova und Kariko schon einmal gemeinsam gegen Ashaki gekämpft?“

„Hin und wieder tun sie auch das.“ Takana grinste. „Oft jagen sie zur gleichen Zeit am Rand der fruchtbaren Regionen und treffen sich dann irgendwo. Vor zwei Jahren haben sie zusammen einen Ashaki überfallen, der ein weitentfernter Verwandter des Mannes war, der für ihre Verbannung verantwortlich war. Sie haben sein Anwesen überfallen und die Sklaven niedergemetzelt. Sie haben zerstört, was sie nicht brauchten, und die übrigen Sachen weggeschafft. Die Familie des Ashaki haben sie gefoltert und Frau und Töchter geschändet. Der Ashaki durfte alles durch einen Blutstein miterleben, nachdem sie ihm seine komplette Magie genommen hatten. Zuletzt haben sie das Haus angezündet und er und seine Familie sind bei lebendigem Leib darin verbrannt.“

Akkarin erschauderte. Immer wenn er glaubte, jedes unerfreuliche Detail über dieses Land und seine Bewohner in Erfahrung gebracht zu haben, kam ein neues hinzu. Die Ichani führten nicht nur Kriege gegeneinander, sondern auch gegen die Mächtigen der Gesellschaft, der sie einst angehört hatten. Den Gesprächen der Ichani hatte er zudem entnommen, dass unter den Ashaki ebenfalls Krieg und Intrigen herrschten. Wenn Akkarin sich jedoch ins Gedächtnis rief, wie viel Fläche von Sachaka aus reiner Wüste bestand und wie sehr das fruchtbare Land deswegen umkämpft wurde, wunderte ihn das nicht mehr.

„Hat der König sie gejagt?“

„Es heißt, Vareka habe getobt. Er sandte mehrere Ashaki aus, doch bis diese das zerstörte Anwesen erreicht hatten, waren der Meister und sein Bruder bereits in die Berge geflohen.“

In diesem Jahr jagte Dakova jedoch alleine, was Unmengen an Vorräten in Form von Wein, Delikatessen, Grundnahrungsmitteln und Textilien bedeutete. Dakova erbeutete sogar zwei neue Sklaven, deren magisches Potential nicht zu verachten war.

Während Akkarin damit haderte, gestohlene Nahrungsmittel zuzubereiten und zu essen, war Takana über die Delikatessen, die Dakova von seinen Beutezügen mitbrachte, höchst erfreut. Hatte er erst die entsprechenden Zutaten zur Verfügung, wuchs der Koch regelrecht über sich hinaus. Wo einfache Speisen ihm hervorragend gelangen, hätte Akkarin keine Worte dafür finden können, was er mit den unzähligen Delikatessen zustande brachte. Nahezu jeden Tag kam Isara in ihr Zelt, um ihm etwas von den Köstlichkeiten abzuschwatzen. Und nicht selten jagte Takana sie wieder schimpfend hinaus.

„Kannst du nicht einfach warten, bis der Meister sein Essen mit dir teilt?“, beschwerte er sich eines Tages. Sie hatten ihr Lager in einem kleinen Wäldchen aufgeschlagen, das von einem Bach durchflossen wurde. Dakova war ausgeritten, um einen nahen Bauernhof zu plündern und die Stimmung im Lager war dementsprechend gut. „Immerzu störst du mich beim Kochen.“

„Und damit bist du der Einzige, der sich gestört fühlt“, bemerkte Akkarin, während er aus einem festen Teig kleine Fladen formte. „Der Meister ist auf Beutezug. Lass ihr doch den Spaß.“

„In meinem Zelt gibt es keinen Spaß“, brummte Takana, woraufhin Akkarin und Isara zu lachen begannen.

Als er sich wieder beruhigt hatte, bemerkte Akkarin, wie Dakovas Bettsklavin ihn neugierig anstarrte. „Was wird das?“, fragte sie und kam näher.

„Törtchen“, antwortete Akkarin. „Sie werden später mit Pachimus gefüllt, das Takana aber erst noch kochen muss.“

„Wenn ich die Marinade für die Reberkeulen und die Tugorbällchen fertig habe.“ Der Koch warf Akkarin einen feixenden Blick zu. „Wie wäre es, willst du nicht das Pachimus machen? Das müsstest du inzwischen eigentlich alleine schaffen. Die Fruchtstücke brauchen nämlich nicht gleich groß zu sein.“

Akkarin hob vielsagend eine Augenbraue. „Klingt ganz nach der perfekten Aufgabe für mich.“

„Ich würde euch gerne helfen, aber der Meister wünscht, dass ich keine niederen Arbeiten, bei denen man sich schmutzig machen kann, verrichte“, sagte Isara bedauernd.

„Wir schaffen das auch alleine“, versicherte Akkarin. „Aber wir wissen dein Angebot zu schätzen. Das heißt“, er warf einen Blick zu Takana, „ich weiß es zu schätzen.“

Takana entfuhr ein lautes Schnauben. „Mach weiter so und du darfst heute Nacht draußen schlafen.“

Isara kicherte. „Darf ich den Teig probieren?“, fragte sie.

„Nur zu.“ Akkarin wies auf den großen Klumpen. „Aber lass noch etwas übrig. Es sei denn, dir ist daran gelegen, Takanas unsterblichen Zorn auf dich zu ziehen.“ Hinter sich konnte er den Koch schnauben hören.

Ein scheues Lächeln aufsetzend, zupfte Isara ein Stück Teig aus dem Klumpen am Rande des Tisches. Akkarin beobachtete, wie sie es sich zwischen die Lippen steckte und für einen kurzen Moment die Augen schloss. Dann breitete sich ein Ausdruck des Entzückens auf ihrem Gesicht aus.

„Der ist köstlich!“, sagte sie. „Hast du den gemacht?“

Akkarin brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass sie zu ihm gesprochen hatte. „Mit ein wenig Unterstützung von Takana.“

„Ein wenig?“, entfuhr es dem Koch. „Ich habe die Zutaten gemischt, damit sie diesen köstlichen Geschmack entfalten. Alles, was du getan hast, war den Teig zu kneten!“

„Was weitaus mehr Arbeit erfordert, als ein paar Zutaten in eine Schüssel zu werfen und sie zu vermischen“, gab Akkarin kühl zurück.

„Die richtige Mischung zu erkennen, erfordert jedoch Talent, das du nicht hast!“

„Der Teig wäre sicher auch köstlich, wenn du ihn gemacht hättest, Akkarin“, sagte Isara. Die winzigen Sterne in ihren Augen funkelten schelmisch. „Solltest du irgendwann einen Teig ganz ohne Hilfe herstellen, nehme ich gerne wieder eine Kostprobe.“

Bevor Akkarin etwas darauf erwidern konnte, hatte sie Takana einen Kuss auf die Wange gehaucht und das Zelt verlassen.

„An die Arbeit!“, befahl Takana. „Hör auf zu träumen.“

Ich träume doch gar nicht, wollte Akkarin protestieren. Dann entschied er jedoch, es war besser, Takana nicht noch weiter zu verärgern.

Die heiteren Stunden im Kochzelt ließen Akkarin manchmal beinahe vergessen, dass er Dakovas Sklave war. Mit Takana hatte er mehr als nur jemanden gefunden, der das gleiche Los teilte. Bei ihrer Arbeit waren sie zu einem eingespielten Team geworden. Wenn Isara zu ihnen stieß, vervielfachte sich die Heiterkeit, weil es ihr allenthalben gelang, Akkarin und Takana dazu zu bringen, sich zu streiten. Und zugleich versetzte ihn der noch immer währende Frühling in ein regelrechtes Hochgefühl.

Umso überraschter war er, als Isara keine halbe Stunde später erneut das Kochzelt betrat. „Was willst du denn jetzt schon wieder?“, knurrte Takana. „Ich habe keine neuen Kostproben für dich.“

„Ich bin gekommen, um zu fragen, ob ich deinen Gehilfen für eine Weile ausleihen kann.“

Akkarin sah auf. Von allen Antworten hatte er diese am wenigsten erwartet. „Wie kann ich dir dienen, Isara?“

„Im Innern des Wäldchens gibt es einen kleinen See. Ich möchte dort die Kleider des Sklaven und des Meisters waschen. Aber ich kann die Körbe nicht alleine tragen.“

„Kann dir Evara nicht dabei helfen?“, fragte Takana.

„Evara ist mit Taki auf Kräutersuche. Sie behauptet, es gäbe hier Kräuter mit heilenden Eigenschaften.“

Diese Kräuter würden mich interessieren, dachte Akkarin. Einige Grundrezepte für Heiltränke und -essenzen waren ihm im Gedächtnis geblieben. Wenn Dakova ihn ließ, konnte er damit vielleicht das Wohlbefinden der Sklaven erhöhen. Oder Dakova würde dieses Wissen von ihm lernen …

„Und was ist mit einem der anderen Sklaven?“, fragte sein Gefährte weiter.

„Sind alle beschäftigt.“

Akkarin warf seinem Gefährten einen vielsagenden Blick zu. Mit einem Mal erschien die Aussicht, dem Kochzelt zu entfliehen und ein wenig Frauenarbeit zu leisten, mehr als attraktiv. „Wenn Takana mich gehenlässt, helfe ich dir gerne Isara.“

Takana schnaubte. „Geh mir bloß für den Rest des Tages aus den Augen“, knurrte er und begann seine Kochmesser zu schleifen. „Aber sei nicht zu spät zurück, um das Essen fertigzumachen.“

***

„Hast du ihn geärgert?“, fragte Isara, als sie mit Körben voll Textilien beladen in das Herz des Wäldchens gingen, wo sich der Bach zu einem kleinen See angestaut hatte.

„Nicht absichtlich.“

Sie kicherte, wobei sich ihre Nasenspitze kräuselte. Akkarin betrachtete sie fasziniert. Er war sicher, das hatte sie auch früher schon getan, doch es war als sähe er es zum ersten Mal.

„Also ja.“

Er brauchte eine Weile, um den Sinn ihrer Worte zu begreifen. „Sagen wir einfach, er kann es nicht leiden, wenn ich etwas besser weiß, obwohl ich in seinen Augen nur der dumme Gorin bin.“

Sie lachte ihr glockenhelles und fröhliches Lachen. „Oh, Akkarin. Du bist alles andere als ein dummer Gorin!“

„Vor ein paar Monaten hast du noch etwas anderes gesagt.“

„Da kannte ich dich auch noch nicht.“

„Aber jetzt tust du es?“

„Nun, ja.“ Ihre Wangen färbten sich rosa. „Lass uns dorthin gehen.“ Sie deutete zu einer Stelle am Ufer, an der mehrere große Steine aus dem Wasser ragten. „Der Platz eignet sich wunderbar und ist weit genug entfernt, dass Kavos Tiere nicht auf der Wäsche herumtrampelten“, fügte sie mit einem Blick auf die andere Seite des Ufers, wo der Gorin und die Reber grasten, hinzu.

Sie hielt auf die Felsen zu, Akkarin folgte ihr in einigem Abstand. Ihr Anblick entbehrte nicht einer gewissen Anmut. Selbst mit einem schweren Korb beladen schwangen ihre Hüften bei jeder Bewegung leicht hin und her.

„Was genau soll ich tun?“, fragte er, als sie die Körbe auf den Steinen abstellten. Er zog seine Schuhe aus und rollte seinen Hosenbeine hoch. Isara, die bereits ins Wasser gewatet war, war mit dem knappen Stück Stoff mit aufgestickten perlmuttfarbenen Plättchen, das sie um den Leib gewickelt trug, zweckmäßiger für diese Art von Arbeit gekleidet. „Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht, wie man Wäsche wäscht.“

„Oh“, machte sie. „Dann sollten wir das ändern.“

Während der nächsten Stunde legte Akkarin nacheinander die Kleidungsstücke ins Wasser. Isara griff danach und rieb sie mit einer Seife ab, die sie in den Stoff einarbeitete. Anschließend musste Akkarin die Kleider auswaschen. Isara breitete die Sachen auf den Felsen aus, und anschließend trocknete er diese mit Magie.

Noch ein paar Tage und das Wasser wird nicht mehr genießbar sein, fuhr es ihm durch den Kopf. Er bezweifelte indes, sie würden so lange hier bleiben. Die Gegend bot für Ichani viele Ressourcen und gute Verstecke, jedoch ebenso viele Gefahren.

„Wir machen das wirklich gut“, sagte er, als er gerade das letzte Kleidungsstück auswusch.

„Nein“, sagte sie. „Du machst das gut.“

„Dachtest du etwa, der Gorin würde sich dümmer anstellen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Manchmal finde ich es schade, dass du mir nicht mehr bei meiner Arbeit helfen kannst.“

So, tat sie das? Akkarin betrachtete sie überrascht. Ein Gefühl, als ob ein Schwarm Agamotten in seinem Magen gefangen wäre, ergriff von ihm Besitz. „Das geht mir ähnlich.“

Isara nahm ihm die Hose ab und drückte das Wasser heraus. „Ich dachte immer, du und Takana hättet jede Menge Spaß.“

„Das haben wir auch. Aber der Meister hat so entschieden, weil ich deine Sprache inzwischen gut genug beherrsche.“

„Dein Akzent ist immer noch grauenhaft. Ein paar Lektionen würden dir guttun.“

Die Agamotten verwandelten sich in ein Gefühl irrer Hoffnung. „Würdest du mir helfen, meine Aussprache zu verbessern?“, fragte er.

Sie nickte strahlend. „Wenn der Meister es erlaubt.“

Akkarin nahm die Hose entgegen und trocknete sie mit Magie. „Wir sind fertig“, sagte er.

„Nicht ganz.“ Sie wies auf sein Hemd und seine Hose. „Deine Sachen sind noch schmutzig.“

„Ich werde sie später waschen.“

„Dann wirst du es vergessen.“

„Ich gebe dir mein Wort, dass ich es nicht vergessen werde.“

Sie betrachtete ihn zweifelnd. „Hast du Angst, ich könnte sehen, wie du nackt aussiehst?“

„Nun, es ist nicht gerade das, was sich gehört“, antwortete er unbehaglich.

„In Kyralia vielleicht“, erwiderte sie frech. „In Sachaka haben wir andere Sitten. Du hast mich auch schon nackt gesehen. Und ich habe mich dessen nicht geschämt.“

Du bist ja auch eine Bettsklavin, wollte Akkarin erwidern, konnte sich jedoch gerade noch zurückhalten. Es wäre herablassend und unfair gewesen. Seine gute Erziehung war nicht der einzige Grund, warum sie ihn nicht ohne Hose sehen sollte.

„Ich werde auch nicht hinsehen“, fügte Isara hinzu. „Denn ich werde deine Sachen waschen. Du kannst in der Zeit ein Bad nehmen. So wirklich sauber bist du nämlich auch nicht mehr.“

Er betrachtete sie nachdenklich. Sie schien das ernst zu meinen. Ihr Versprechen beruhigte ihn und erfüllte ihn zugleich mit einer nervösen Unruhe und er erkannte, dass die Agamotten noch immer in seinem Magen flatterten. Eine leise Stimme in seinem Kopf sagte ihm, es wäre besser, ihr Angebot abzulehnen und zurück zum Lager zu kehren, doch er konnte es nicht über sich bringen.

Während Isara ihm betont den Rücken zuwandte, streifte er das Hemd über seinen Kopf, dann stieg er rasch aus seiner Hose und watete ins Wasser.

Der Teich war tief genug, um darin zu schwimmen. Akkarin watete so weit über den glitschigen Untergrund, bis ihm das Wasser zur Brust reichte, dann stieß er sich ab und schwamm zum anderen Ufer. Zwischendurch tauchte er immer wieder unter, bis seine Haare sich mit Wasser vollgesogen hatten. Das Wasser war so klar, dass er bis auf den Grund sehen konnte, wenn er untertauchte. Er entdeckte sanft in der Strömung wogende Pflanzen, kleine runde Steine und einen Schwarm Fische.

Takana wäre erfreut über die Abwechslung, fuhr es ihm durch den Kopf und er nahm sich vor, ihm später ein paar mitzubringen. Das würde den eigensinnigen Koch wieder besänftigen.

Als er zurück zu den Steinen blickte, sah er, wie Isara ihn beobachtete.

„Das sieht so … elegant aus“, sagte sie.

„Das ist Schwimmen.“

„Ich kann das nicht. Ich habe Angst vor tiefem Wasser.“

„Es ist nicht tief.“ Akkarin hielt inne und stellte sich hin. „Siehst du? Man kann darin stehen.“

Ihr Gelächter hallte über die Wasseroberfläche. „Wenn man so groß ist wie du vielleicht.“

„Willst du es nicht einmal ausprobieren?“

Sie zögerte. „Ich weiß nicht.“

Seine Enttäuschung verbergend tauchte er wieder unter und schwamm ein paar Runden. Das Wasser war herrlich kühl und klar und verlieh ihm ein Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit. Mit einem Mal fühlte er sich unbesiegbar.

Als er zum Ufer zurückkehrte, hatte Isara seine Kleider in der Sonne ausgebreitet und sich auf einem der Felsen drapiert. Ihr knappes Kleid war ein Stück empor gerutscht und ließ das Darunter erahnen. Obwohl Akkarin wusste, wie sie nackt aussah, löste der Anblick eine Regung in ihm aus, derer er gerade wieder Herr geworden war.

Zu seinem Entsetzen lag die Seife dort, wo er nur an sie herankommen konnte, wenn er das Wasser verließ.

Oder wenn er Magie benutzte.

Er seufzte. Soll Dakova mich doch für die sinnlose Verschwendung ’seiner’ Magie bestrafen.

Seinen Willen ausstreckend ließ er die Seife zu sich schweben und begann sich zu waschen. „Willst du nicht doch Schwimmen lernen, Isara?“, fragte er, während er sich die Seife in die Haare rieb.

„Und wozu soll ich das brauchen?“

„Damit du bei dem nächsten See, an dem wir lagern, dieses wunderbare Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit genießen kannst?“, schlug er vor.

Sie begegnete seinem Blick. „Ich fühle mich gerade sehr leicht und frei.“

Der Schwarm von Agamotten musste sich gerade vermehrt haben. Einen tiefen Atemzug nehmend tauchte Akkarin unter, um seine Haare auszuwaschen.

„In Sachaka gibt es kaum Gewässer zum Schwimmen“, sagte sie, als er wieder auftauchte. „Ich würde es wieder verlernen.“

„Schwimmen verlernt man nicht. Ich bin seit mehr als zwei Jahren nicht mehr geschwommen.“

„Gibt es in Kyralia denn mehr Gewässer?“

„Wir … es gibt viele Seen und Flüsse. Aber man kann auch im Meer schwimmen.“

„Dort werde ich niemals hinkommen. Die Küste ist besiedelt.“

„Du könntest es lernen, um hin und wieder ein wenig Spaß zu haben.“ Die absurde Frage, ob Dakova schwimmen konnte, schoss ihm durch den Kopf. Aber er wollte ihr nicht vorschlagen, sich auf diese Weise mit ihrem Meister zu vergnügen. Plötzlich wollte er nicht, dass sie sich überhaupt mit ihm vergnügte.

Aber nicht, weil Dakova ein grausamer Ichani war, wie ihm plötzlich aufging.

Was tust du da bloß?, schalt er sich. Du bist auf dem besten Weg, sie in Schwierigkeiten zu bringen. Und dich gleich mit.

Die Erkenntnis ließ ihn augenblicklich wieder nüchtern werden.

„Es ist spät geworden“, sagte er. „Wir sollten zurückgehen.“

Er verließ den Teich und stieg in seine noch nasse Hose, die an seinen Beinen klebte und sich unangenehm um seine noch immer geschwollenen Lenden legte.

„Akkarin.“

Er fuhr herum.

Isara stand hinter ihm, in ihrer Hand ein sauberes und trockenes Hemd, das sie ihm mit gesenktem Kopf reichte. „Hier“, sagte sie.

Überrascht und verwirrt nahm Akkarin das Hemd entgegen. Sie war ihm so nahe, dass er ihren Duft riechen konnte. Rasch streifte er den Stoff über, wobei sie ihn nicht aus den Augen ließ.

„Danke“, murmelte er, während er seine Haare mit einem Lederband wieder im Nacken zusammenband. „Ich hätte mich rasieren sollen“, sagte er, weil er das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen. Er schüttelte den Kopf. Etwas Besseres ist dir wohl auch nicht eingefallen, was?

Isara streckte eine Hand aus und berührte seine stoppelige Wange. „Ich mag deinen Bart“, sagte sie. Die Berührung jagte einen Schauer durch seinen Körper und er begann seine nasse, klebende Hose zu verfluchen. „Damit siehst du weicher aus. Aber nur, wenn er nicht zu lang ist.“

„Und wie ist er jetzt?“, fragte er heiser.

Sie begegnete seinem Blick. Akkarin hatte sich geirrt. Es waren keine Sterne. Es waren winzige kleine Sonnen, schon immer gewesen. Und sie gingen in diesem Moment auf.

„Genau richtig.“

Sie war ihm viel zu nahe. Akkarin wagte kaum zu atmen, obwohl ihm das Herz bis zum Hals schlug und er sicher war, die Kontrolle über seine Beine verloren zu haben. Daran, wie ihre Augen sich geweitet hatten, glaubte er zu erkennen, dass es ihr nicht anders erging.

Einem plötzlichen Impuls folgend, nahm er die Hand von seiner Wange, umschloss sie mit seinen Händen und zog sie zu seiner Brust.

„Ich wünschte, du wärst ein höherer Magier“, flüsterte Isara.

In jeder anderen Situation hätte er dies kategorisch abgelehnt. Aber sie war Isara. Für sie wäre er alles geworden. Für sie hätte er sogar gegen seinen Eid verstoßen und verbotene magische Praktiken gelernt.

„Warum?“, fragte er sanft.

„Weil … dann würde ich …“, sie brach ab. „Wir dürfen das hier nicht tun, Akkarin. Sonst ergeht es uns wie Irko und Cara. Wir müssen das hier aus unseren Gedanken verbannen.“

Obwohl alles in ihm danach schrie, ihre Hand loszulassen und einen anständigen Abstand zwischen sie beide zu bringen, war er unfähig, sich von der Stelle zu bewegen. Während er sich in den winzigen Sonnen verloren hatte, hatten die Agamotten sich in seinem gesamten Körper ausgebreitet und ließen ihn regelrecht zittern. Er wusste nicht, wie er jemals wieder Herr seiner Sinne werden sollte. Er wollte nichts als Isara ganz zu sich zu ziehen, ihren Duft zu atmen, ihre Haut zu streicheln und ihre Lippen zu schmecken.

„Ich weiß“, sagte er nur und drückte ihre Hand leicht.

Für einen kurzen Augenblick strahlten die Sonnen in ihren Augen auf, dann senkte sie den Blick und brach damit den Bann. All seinen Willen heraufbeschwörend, ließ Akkarin ihre Hand los und trat einen Schritt zurück.

„Wir müssen zurück“, sagte er. „Der Meister wird bald zurück sein. Und ich muss Takana mit dem Abendmahl helfen.“

Sie nickte nur.

Akkarin griff nach seinem nassen Hemd, das noch immer auf dem Boden lag, trocknete es mit Magie und warf es in einen der Körbe. Seine Bewegungen waren fahrig, weil die Agamotten sich weigerten, zur Ruhe zu kommen.

Dann lud er sich zwei Körbe mit frischer Wäsche auf die Schultern und folgte Isara zurück zum Lager.

„Wo warst du so lange?“, fragte Takana ungehalten, als Akkarin zurück ins Kochzelt kehrte.

„Wäsche waschen und baden.“ Akkarin ließ sich auf seine Decke fallen. Noch immer traute er seinen Gliedern nicht. Er hatte die Körbe vor den Zelten der Sklaven abgestellt und sich dann beeilt, Isara den Rücken zu kehren. „Du glaubst gar nicht, was sechszehn Sklaven und ein Magier alles schmutzig machen.“

„Ich diene Meister Dakova schon ein wenig länger, als du“, brummte Takana. „Ich hoffe, du hattest Spaß, während ich das Pachimus gekocht habe, das du eigentlich selbst kochen wolltest.“

„Ich habe angeboten, es zu machen, um dir Arbeit abzunehmen“, korrigierte Akkarin.

„Und stattdessen hast du im Wasser geplanscht?“

„Ich …“ Einen Fluch unterdrückend fuhr Akkarin hoch. „Ich bin gleich wieder da.“

Er stürmte aus dem Zelt, vorbei an mehreren Sklaven, die ihm verwirrt hinterherblickten, und beeilte sich, das Lager zu verlassen.

Wenig später kehrte er mit einem Korb silbrig-glitschiger Fische zurück. „Und wenn du jetzt sagst, dass ich deine Pläne fürs Abendmahl ruiniert habe, darfst du demnächst alleine kochen“, sagte er.

Eine Grimasse schneidend nahm Takana ihm den Korb ab. „Für heute Abend habe ich genug vorbereitet, aber man könnte sie räuchern und morgen servieren.“ Er zog den Kochlöffel aus dem Topf, der über dem Feuer vor sich hinblubberte, und fuchtelte damit vor Akkarin herum. „Aber darum wirst du dich kümmern. Nachdem ich dein Pachimus gekocht habe, ist das das mindeste. Und komm mir jetzt nicht damit, dass du nicht weißt, wie man Fische ausnimmt.“

„Manchmal bist du fast genau so ein Sklaventreiber wie Dakova“, bemerkte Akkarin.

Takana grinste. Er wandte sich wieder dem Topf zu und begann den Inhalt in die kleinen Törtchen zu füllen, die Akkarin zwei Stunden zuvor vorbereitet hatte. „Nenn mich Meister Takana.“

Amüsiert begann Akkarin die Fische auszunehmen. „Findest du, der Bart steht mir?“

Sein Leidensgenosse hielt inne. „Was ist das denn für eine Frage?“

„Eine Ernstgemeinte.“

„Ganz ehrlich? Mir ist scheißegal, wie du aussiehst.“

„Du bist heute wieder ungemein schmeichelhaft“, gab Akkarin zurück.

„Und du hast ekelhaft gute Laune.“

„Ist das ein Problem?“

„Nein. Es zeigt nur ganz eindeutig, dass du zu viel Zeit mit Isara verbracht hast.“

Akkarin schnaubte lautstark. Woher wusste er davon?

„Dein Schweigen sagt mir, dass ich richtig liege“, fuhr der Koch triumphierend fort, während er die Törtchen auf einen Grill legte und diesen über das Feuer hing.

In solchen Momenten war Takanas Menschenkenntnis nahezu unheimlich. Akkarin fragte sich, wie seinem Leidensgenossen das ganz ohne Gedankenlesen und Magie gelang.

„Pass auf in ihrer Nähe“, warnte Takana. „Sie ist nicht für dich bestimmt. Also halte dich von ihr fern.“

Als wenn ich das nicht wüsste, dachte Akkarin das plötzliche Gefühl von Sehnsucht unterdrückend, das mit einem Mal unangenehm schmerzhaft geworden war.

***

Dakova kehrte erst nach Sonnenuntergang zurück, dafür jedoch mit jeder Menge Beute, die er auf sein Pferd und ein weiteres verteilt hatte, das er mit den Zügeln an seinen Sattelknauf gebunden mit sich führte. Angesichts seines Verschleißes von Pferden war das nur vernünftig.

Alle Gedanken an Isara aus seinem Kopf verbannend, folgte Akkarin dem Koch mit den verschiedenen Speisen, die sie vorbereitet hatten, als Dakova sich zum Essen auf seinen Hocker vor dem Zelt des Meisters niederließ, Isara kniete seiner Seite. Als ihre Augen einander für einen kurzen Moment begegneten, machte Akkarins Herz einen Sprung.

Wie soll ich nicht an sie denken, wenn sie mich so ansieht?, dachte er verzweifelt. Das während der letzten Stunden erlebte Hochgefühl endete jäh, als er daran dachte, wie Dakova reagieren würde, wenn er seine Gedanken las. Die Vorstellung erfüllte ihn mit unvorstellbarem Grauen. Würde der Ichani ihn und Isara töten, so wie er seine frühere Bettsklavin und ihren Geliebten getötet hatte? Mit einem Mal fürchtete Akkarin diese Aussicht. Jedoch nicht nur wegen Isara.

Obwohl sein Leben für ihn keine Bedeutung mehr hatte und es durch Isara noch mehr zu einer Qual für ihn werden würde, hing er mit einem Mal daran.

Wegen Isara.

Akkarin war beinahe erleichtert, als Dakova sein Festmahl beendete und Isara den Kelch mit dem Wein, den er von seinem Beutezug mitgebracht hatte, übergab.

„Also, kleiner Gildenmagier“, sagte sein Meister beinahe zärtlich. „Dann lass uns mal in Erfahrung bringen, wie dein Tag war.“

Akkarin senkte den Kopf, die Handgelenke emporgestreckt. Dakova zog seinen Dolch und nahm seine Magie. Dann las er seine Gedanken.

Es war wie Akkarin befürchtet hatte. Dakova holte jedes Detail dessen, was an diesem Tag, insbesondere an dem See, geschehen war, aus Akkarins Geist hervor. Akkarin zwang sich ruhig zu bleiben und seine Gedanken möglichst frei von den Gefühlen zu halten, die ihm durch den Kopf geschossen waren. Doch es war hoffnungslos. An der Stelle, wo Isara auf dem Stein gesessen hatte, während er durch den Teich geschwommen war, bröckelte seine Konzentration. Sofort fing Dakova die Erinnerung ein. Nahezu gierig verfolgte er, was danach geschehen war. Als Isara ihn das trockene Hemd reichte, war es um seine Selbstbeherrschung endgültig vorbei. Das Gefühl ihrer Hand zwischen seinen überwältigte ihn erneut.

„Ich wünschte, du wärst ein höherer Magier“, hörte er Isara erneut flüstern.

„Warum?“, fragte er mit belegter Stimme.

„Weil … dann würde ich …“

Darauf folgten seine Gedanken, den Abstand zu ihr zu wahren und ihre Warnung, was geschehen würde, wenn sie ihre Beziehung vertieften. Dakova überflog ihre Rückkehr ins Lager, so wie den Rest des Nachmittags, den Akkarin mit Takana Speisen zubereitet und noch einmal zum Teich zurückgekehrt war, um Fische zu fangen.

Dann ließ er von ihm ab.

Akkarin wagte kaum zu atmen. Dakova betrachtete ihn mit ausdrucksloser Miene, das Kinn auf eine Hand gestützt. Während seine kalten Augen ihn durchbohrten, schossen Akkarin die grauenhaftesten Dinge durch den Kopf, die sein Meister ihm und Isara antun könnte.

„Du kannst gehen“, sagte er dann unvermittelt.

„Ich stehe in Eurer Schuld, Meister“, erwiderte Akkarin und senkte den Kopf.

„Ja, das tust du. Und jetzt verschwinde.“

Akkarin beeilte sich aufzustehen. Dabei vermied er es, Isaras Blick zu begegnen. Erst, als er in sein Zelt zurückkehrte, begriff er, dass etwas anders war.

Doch er konnte keine Erleichterung verspüren. Sein Meister hätte ihn bestrafen müssen. Aber er hatte es nicht getan.

Akkarin konnte nicht glauben, dass Dakova ihn verschont hatte, weil es ihm egal war, dass seine beiden liebsten Spielzeuge Gefühle füreinander hegten. Er war sicher, das hier hatte gerade erst begonnen.

*~*~*~*

Neugierig geworden? Wenn ihr wissen wollt, wie es dazu kam und was Dakova sich einfallen lässt, um Akkarin und Isara für ihre Gefühle zu bestrafen, lest hier die komplette Geschichte.

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